Zum Bericht „Rund drei Viertel für beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien“ (Politikteil):
Der Klimawandel ist wissenschaftlich belegt – das bestätigt der Weltklimarat seit Jahren. Trotzdem führen wir in Europa gern Debatten, als hinge das gesamte Weltklima allein von unserer Mülltrennung und der Farbe unserer Fahrradhelme ab.
Ein paar Zahlen zur Einordnung: 1900 lebten rund 1,65 Milliarden Menschen auf der Erde, heute sind es über acht Milliarden. Die globalen CO2-Emissionen liegen bei etwa 37 Milliarden Tonnen pro Jahr, im Durchschnitt rund vier bis fünf Tonnen pro Mensch. Hinzu kommt ein oft ausgeblendeter Faktor: die deutlich gestiegene Lebenserwartung. Um 1900 lag sie bei etwa 40 bis 45 Jahren, heute bei über 80 Jahren.
Bei gleichem Lebensstil bedeutet das rein rechnerisch eine deutlich längere „Emissionszeit“ pro Person – also über Jahrzehnte zusätzliche CO2-Emissionen durch Wohnen, Mobilität und Konsum. Fortschritt ist also nicht emissionsfrei, sondern nur komfortabler verteilt.
Deutschland und Europa reduzieren ihre Emissionen durchaus. Seit 1990 hat Deutschland sie um rund 45 Prozent gesenkt. Global steigen sie jedoch weiter, weil Milliarden Menschen verständlicherweise denselben Wohlstand anstreben, den wir längst genießen.
Selbst wenn Europa morgen klimaneutral wäre, würde das die globale Erwärmung nur begrenzt beeinflussen. Modellrechnungen bewegen sich bis zum Jahr 2100 im Bereich von etwa 0,2 bis 0,4 Grad Celsius weniger Erwärmung. Messbar – aber kein alleiniges Rettungsinstrument.
Eine sachliche Einordnung: Die verwendeten Daten zu Bevölkerung, Emissionen und Reduktionen entsprechen IPCC-, IEA- und UN-Statistiken. Die zusätzliche CO2-Wirkung längerer Lebenszeit ergibt sich aus der rein arithmetischen Verlängerung der emissionsaktiven Lebensjahre und ist als grobe Größenordnung plausibel, auch wenn individuelle Werte stark variieren. Klimaschutz funktioniert nur global, technologisch und realistisch. Alles andere ist gutes Gewissen mit begrenzter Wirkung.
Peter Wulf
Cuxhaven