Zum Leserbrief „Fehleinschätzung bayerischer Bräuche“ (Leserbriefseiten):
Im Nachgang zum Thema „Blechdosen-Aufhängen“ bei der Geburt eines Mädchens möchte ich einige Klarstellungen vornehmen. Die reflexhafte Kritik, ich würde eine „alte bayerische Tradition“ zerstören, hält einer historischen Überprüfung nicht stand. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Brauch nicht um ein über Jahrhunderte gewachsenes Kulturgut. Vor dem Zweiten Weltkrieg und bis weit in die 1960er-Jahre hinein gab es in ländlichen Regionen kaum Mengen an leeren Konservendosen, um ein Haus damit zu „schmücken“. Dieser Brauch ist eine vergleichsweise junge Erscheinung, die sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verbreitet hat.
Wer hier von „altehrwürdiger Tradition“ spricht, irrt historisch. Es geht mir jedoch nicht nur um die historische Einordnung, sondern um die Frage, welche Werte wir in unsere moderne Gesellschaft tragen wollen? Die Symbolik des „Büchsenmachens“ ist tief in einem sexistischen Rollenverständnis verwurzelt. Das Argument der Stammhalter-Sicherung greift zu kurz. Schon oft wurde ein Bauernhof an die Tochter weitergegeben, weil der Sohn kein Interesse hatte oder ungeeignet war. Da wurde der traditionelle Weisertwecken für den „Buam“ wohl umsonst gebacken – und die Tochter im Vorfeld abgewertet.
Wenn wir Tradition auf Kosten eines Geschlechts pflegen, dann bitte konsequent: Sammeln wir bei der Erwartung eines Sohnes künftig alte Schläuche, hängen sie am Gartenzaun auf und nennen es „Schlauchmacherei“.
Echte Traditionen zeichnen sich durch Respekt aus – nicht durch das öffentliche Ausstellen von Altmetall, das die Würde eines neugeborenen Menschen und die Leistung der Eltern abwertet. Wir sollten uns als Gemeinschaft weiterentwickeln, anstatt veraltete Unarten als kulturelles Erbe zu tarnen.
Gudrun Baumann-Sturm
Raubling