Begeisterung sieht anders aus. Der erfolgreiche Abschluss der Sondierungsgespräche für eine erneute Große Koalition hat am Freitag keinen Börsianer vom Stuhl gerissen.
Erst mal abwarten, was der SPD-Parteitag bringt, sagte ein Händler. Noch seien viele Details unklar, ergänzt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. „Immerhin gibt es keine Steuererhöhungen.“ Der Deutsche Aktienindex Dax bewegte sich zum Wochenschluss kaum vom Fleck, was allerdings auch dem Euro geschuldet war. Er sprang um über zwei Cent auf mehr als 1,21 Dollar.
Das führen Experten auf die Nachricht aus Berlin zurück. Dass es endlich eine neue Regierung geben dürfte, sei ein Signal für mehr Stabilität in Europa und für eine stärkere Währung. Die allerdings das Geschäft der europäischen Firmen tendenziell erschwert, weil ihre Produkte in den USA und in anderen Dollarländern teurer werden.
Wichtiger als politische Entwicklungen ist für die Börse das wirtschaftliche Umfeld. Da sieht es nach dem überraschend guten Jahr 2017 auch für 2018 allen Prognosen zufolge gut aus. Michael Bissinger von der DZ Bank erwartet erneut Rekordgewinne der Unternehmen, nachdem viele Firmen bereits 2017 neue Bestzahlen erreicht haben dürften – ausgenommen die Deutsche Bank, die keine Dividende zahlt, weil sie im dritten Jahr hintereinander einen Verlust verbuchen wird – im Gegensatz zur größten US-Großbank JP Morgan. Die hat einen satten Gewinn von mehr als 24 Milliarden Dollar verkündet.
Fast alle börsennotierten deutschen Firmen werden ihre Aktionäre so deutlich wie nie zuvor an ihren Ergebnissen teilhaben lassen. Der DZ Bank zufolge schütten die 100 größten deutschen AGs knapp 46 Milliarden Euro aus, acht Prozent oder vier Milliarden mehr als 2017. Allein bei den 30 Dax-Konzernen werden es mehr als 35 Milliarden sein, ein Plus von sogar 13 Prozent.
„Verglichen mit dem Krisenjahr 2009 haben die deutschen Unternehmen damit ihre Dividendenzahlungen mehr als verdoppelt“, sagt Bissinger. In den nächsten Jahren dürfte es noch mehr werden. Auch europaweit sind Rekorddividenden zu erwarten. Die Fondsgesellschaft Allianz Global Investors schätzt den Betrag auf rund 323 Milliarden Euro, 23 Milliarden mehr als ein Jahr zuvor.
Die Dividenden werden, sagen Börsianer, die Kurse in den nächsten Wochen und Monaten stützen, weil der Großteil zwischen April und Juni ausgezahlt wird. Wer davon profitieren möchte, kann also noch einsteigen, auch wenn Aktien nicht mehr billig sind. Das Chance-Risiko-Verhältnis sei derzeit ausgesprochen ungünstig, sagt Markus Reinwand von der Landesbank Hessen-Thüringen. Statt auf den fahrenden Zug aufzuspringen, rät er zum Aktienverkauf. Von zu teuren Aktienmärkten könne bis dato keine Rede sein, betont dagegen Robert Halver von der Baader Bank. Viele Börsianer sehen den Dax Richtung 14 000 Punkte marschieren. Eine Voraussetzung auch: In Berlin kommt endlich eine Regierung zustande.
rolf obertreis