Schlecht hat der als kritisch eingestufte Börsenmonat Mai nicht begonnen. Der deutsche Aktienindex Dax ist auf zeitweise fast 12 800 Zähler geklettert. Aber ein Selbstläufer werden Aktien in diesem Jahr nicht, sind Experten überzeugt.
Zwar signalisieren die Berichte der Unternehmen für das erste Quartal nicht nur Stabilität, sondern in vielen Fällen weiter gute Geschäfte. Das grenze fast schon an ein kleines Wunder, sagt Jan Gengel von der Weberbank. Von einem gemischten Bild spricht dagegen Markus Wallner, Aktienstratege der Commerzbank. Das Umfeld ist und bleibt heikel – vor allem wegen der von US-Präsident Trump losgetretenen Debatte über einen freien Handel. Gegenüber China drohen Zölle. Für Europa sind sie erst einmal bis Anfang Juni verschoben – Trump hat die Frist verlängert. Ohne dass es Anzeichen gibt, dass er davon Abstand nehmen könnte. Die Phase der Unsicherheit hält erst einmal an.
Noch gehe er davon aus, dass sich der volkswirtschaftliche Schaden der aktuellen Protektionismuswelle in Grenzen halte, sagt Emmerich Müller, Partner beim Bankhaus Metzler. „Ein eskalierender Handelskonflikt hätte keine Gewinner.“ Auch nicht für die Börse und am Aktienmarkt. Das Fahrwasser für Aktien bleibt unruhig, die Volatilität der Kurse ein Thema.
Trotzdem sind Aktien bei der Geldanlage für die meisten Experten weiter erste Wahl. Zinsen und Inflation werden sich nur wenig bewegen, frühestens Ende Juni könnte die Europäische Zentralbank (EZB) andeuten, ob ihr Anleihekaufprogramm möglicherweise am Jahresende ausläuft. Gleichwohl werden sich die Rahmenbedingungen für Aktien allmählich verschieben, glaubt Müller. Grund: Der Konjunkturzyklus nähert sich seinem Höhepunkt, was auf allmählich steigende Inflation und Zinsen deutet. „Zukünftig dürften es Aktien schwerer haben.“ Aber das sei noch lange kein Grund, ihnen vorschnell den Rücken zu kehren, heißt es bei Metzler. Global traut das Bankhaus Aktien bis 2020 im Schnitt ein jährliches Plus von vier Prozent und eine Dividendenrendite von rund 2,5 Prozent zu. Das wäre immer noch mehr als bei Anleihen.
„Die Märkte erfahren zur Zeit einen schmerzlichen Abschied vom Besser- geht’s-nicht-Szenario“, glaubt auch Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management. Und trotzdem bleibe der Trend für Aktien positiv. Die Gewinnaussichten seien weiter besser als bei Anleihen. Und die Inflationsentwicklung hält er derzeit nicht für ausgeprägt genug, „um die Expansion und die Kapitalmärkte ins Schwanken zu bringen“. Mit stärkeren Schwankungen müssten Anleger allerdings leben, fügt Galler hinzu.
Experten, die von Aktien abraten, sind derzeit kaum zu vernehmen, wohl auch weil sich der Dax zuletzt besser entwickelt hat, als von vielen befürchtet. Die DZ Bank hat zwar ihre Prognose zum Jahresende von 14 000 auf 13 300 Punkte heruntergesetzt. Es gebe aber unverändert gute Kaufgelegenheiten, sagt Stratege Michael Bissinger. rolf obertreis