Am Ende der ersten und zugleich turbulenten Woche des zweiten Halbjahres steht der Aktienmarkt erstaunlich stabil da. Der Deutsche Aktienindex Dax legt nach einem Tiefstand von gut 12 100 Zählern zu Wochenbeginn in der ersten Juli-Woche um gut ein Prozent oder fast 200 Punkte zu und überwindet zeitweise die Marke von 12 500.
Das ist durchaus überraschend, nachdem sich der Handelskonflikt zwischen den USA und China ausweitet und zu einem echten Handelskrieg mit gegenseitigen Zöllen in Milliardenhöhe auszuufern droht. Die USA setzten am Freitag Milliarden-Strafzölle auf chinesische Waren in Kraft, China verhängte wenig später Vergeltungszölle gleichen Ausmaßes. US-Präsident Donald Trump drohte China noch mit zusätzlichen Strafzöllen.
Und nach wie vor könnten deutschen Automobilherstellern schwere Belastungen durch Trump entstehen. Und die stehen für ein Fünftel des Börsenwertes der 30 Dax-Konzerne. Bislang hätten die Finanzmärkte auf die Handelskonflikte noch vergleichsweise milde reagiert, sagt Christian Apelt von der Landesbank Hessen-Thüringen. Das deutet eigentlich auf eher bescheidene Aussichten für das deutsche Börsenbarometer. Apelt erwartet zum Jahresende nicht mehr als 12 300 Punkte.
„Im Dax gibt es eine Vielzahl von Unternehmen, die vermutlich gar nicht oder kaum von Handelsrestriktionen betroffen wären“, hält Christian Kahler von der DZ Bank dagegen. Er rechnet zudem damit, dass von Zöllen betroffene Unternehmen mit Produktionsverlagerungen auf die Maßnahmen von Trump reagieren werden. Kahler bleibt zuversichtlich und sieht den Dax Mitte 2019 auf einem Rekordniveau von 14 200 Zählern. Grund ist in seinen Augen auch ein weiter „deutliches“ Gewinnwachstum der exportstarken deutschen Unternehmen.
Da ist Robert Greil von Merck Finck vorsichtiger. Das Wachstum bei deutschen und europäischen Konzernen werde in nächster Zeit moderater ausfallen als bei US-Firmen. Die Skepsis in Europa werde zunehmen. „Angesichts des anhaltenden Handelskonflikts dürfte die Börse an der Wallstreet in den USA vorerst weiter stabiler tendieren als Europas Börsen.“
Politische Unsicherheitsfaktoren werden nach Ansicht von Kahler allerdings weiter für erhöhte Kursschwankungen sorgen. Immerhin ist das Gerangel in der Regierungskoalition in Berlin um das Thema Asyl erst einmal vorbei. Die „Crazy-Horst-Show“ sei vorbei, kommentiert Helaba-Stratege Apelt die Entwicklung (crazy: englisch für verrückt). Das Ende des Streits hat nach Ansicht auch anderer Beobachter für Entspannung an der Börse gesorgt.
Für kurzfristige Aufregung sorgten am Freitag Spekulationen über den Einstieg der US-Investmentbank JP Morgan bei der Deutschen Bank. Der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie stieg zeitweise erstmals seit Ende Mai wieder auf mehr als zehn Euro. Doch die Amerikaner winkten ab, das Papier der Großbank rutschte wieder ab.
Für Aktien sprechen die weiter niedrigen Zinsen. Sparanlagen und Tagesgeld lohnen sich weiter nicht, real nach Abzug der Inflationsrate bringen sie wohl auch noch auf etliche Wochen und Monate Verluste. Das spielt der Börse und dem Aktienmarkt eigentlich in die Hände. Die Skepsis ist zwar weiter beträchtlich, aber Optimisten lassen sich deshalb auch nicht zu sehr verunsichern.
Jan Nießen von der Weberbank verweist wie andere auch auf die steigenden Gewinnerwartungen der Unternehmen, die letztlich auch auf weiter steigende Dividenden hindeuten. „Somit sollte für die nächsten Monate eine solide Basis für die weitere Entwicklung an den Aktienmärkten gelegt sein“, sagt Nießen. Rolf Obertreis