Es bleibt dabei: Die Börse kennt in diesen Tagen nur einer Richtung. Am Freitag sackten die Kurse erneut zeitweise um zwei Prozent ab, auf weniger als 11 100 Zähler im Deutschen Aktienindex (Dax) – der niedrigste Stand seit Dezember 2016. Allein im Oktober hat der Dax mehr als zehn Prozent eingebüßt. Der Börsenwert wichtiger Dax-Titel ist drastisch geschrumpft, bei Bayer um mehr als zehn Milliarden Euro, bei Siemens und VW sind es rund neun Milliarden, bei Daimler rund fünf, bei Continental knapp vier. Und es wird mit dem Dax erst einmal noch weiter nach unten gehen, fürchten Volkswirte.
„Der Ausverkauf steht noch aus“, sagt Markus Reinwand von Landesbank Hessen-Thüringen. Das liegt nicht nur an den ungelösten Handelskonflikten zwischen den USA und Europa und den zwischen den USA und China, am Finanzstreit in der EU mit der italienischen Regierung und an der Ungewissheit darüber, wie der Brexit ablaufen wird. Dazu kommen steigende Zinsen in den USA und ab Herbst 2019 wohl auch in Europa, getrübte Wachstumsaussichten, der gestiegene Ölpreis und die Krisen in Schwellenländern wie der Türkei oder Argentinien. Mittlerweile spielt auch die Psychologie hinein. „Ein markantes Tief an den Aktienmärkten geht meist mit ausgeprägtem Pessimismus und einem Ausverkauf einher“, sagt Reinwand. Der Dax könne noch bis auf 10 500 Punkte abrutschen, bevor es wieder besser wird.
„Dem Dax droht ein Jahresminus“, glaubt auch Christian Kahler von der DZ Bank. Zuletzt hatte der Index 2008 und 2011 mit Verlust geschlossen. 2008 waren es satte minus 40,3 Prozent, drei Jahre später minus 14,7 Prozent. Kahler erinnert aber auch daran, dass der Dax seit Auflage 1988 im Schnitt pro Jahr um 8,2 Prozent zugelegt und nur in acht Jahren mit einem Verlust geschlossen hat. Noch gebe es trotz der widrigen Umstände eine „realistische Chance“, dass der Index bis Jahresende zumindest einen Teil seiner Verluste wettmachen könne. „Wir erwarten keine Rezession und die Gemengelage an den Kapitalmärkten ist nicht vergleichbar mit der Krise um die US-Staatsschulden, die 2011 an den Finanzmärkten zu erheblichen Verwerfungen führte.“
Selbst Skeptiker wie Helaba-Ökonom Reinwand sehen Licht am Ende des Tunnels. Zum Jahresende erwartet er den Index bei 12 300 Punkten, Mitte 2019 bei 13 000.
ROLF OBERTREIS