Die Risikolust feiere ein furioses Comeback, meinte ein Händler am Freitag und schaute ein wenig erstaunt auf die große Tafel im Handelssaal der Frankfurter Börse. Zeitweise mehr als 11 300 Punkte zeigte die für den Deutschen Aktienindex Dax, ein sattes Plus von fast 1,7 Prozent. Schlechte Nachrichten werden wieder einmal beiseite geschoben, vermeintlich gute mit Freude zu Kenntnis genommen.
Wie die, dass es in Sachen Brexit bei den Verhandlungen Fortschritte gebe. Natürlich helfen auch die europäischen Währungshüter. Bis zum Herbst werden sie bei den Zinsen stillhalten, sagte Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag nach der ersten Sitzung des Rates in diesem Jahr. Volkswirte rechnen sogar damit, dass die Zinsen erst 2020 von derzeit Null erhöht werden. „Die EZB bleibt ein guter Freund der Aktienmärkte“, sagte Robert Halver von der Baader Bank. Damit sind Sparanlagen und Anleihen weiter unattraktiv, weil es kaum Zinsen gibt. Ein klarer Vorteil für Aktien.
Die Risiken sind damit nicht weg. Draghi schließt zwar eine Rezession in Euroland aus. Aber Brexit, Handelsstreit und Protektionismus drücken die Stimmung. Bei deutschen Managern ist sie laut Münchner Ifo-Institut zum dritten Mal hintereinander gesunken. In China hat sich das Wachstum abgeschwächt. Zunehmend zur Belastung wird die Haushaltssperre in den USA.
Martin Lück, Chef-Stratege beim Vermögensverwalter Blackrock schätzt, dass jede Woche Stillstand der Behörden das US-Wachstum um 0,1 Punkte drückt. Damit seien es mittlerweile schon 0,5 Prozentpunkte an eingebüßtem Wachstum.
Die Hoffnungen auf einen Erfolg in den Handelsgesprächen zwischen den USA und China und die weniger restriktive Zinspolitik der US-Notenbank beflügeln den Aktienmarkt, glaubt Markus Wallner von der Commerzbank. Aktien könne man wieder kaufen. Claudia Windt von der Landesbank Hessen-Thüringen sieht es genauso. Sie erwartet, dass die Autoindustrie in Deutschland wieder Aufwind bekommt und damit auch die konjunkturelle Dynamik in Europa.
Viel langfristiger schaut das Deutsche Aktieninstitut (DAI) auf den Aktienmarkt und die Aktienanlage. 2018 sei zwar schlecht gelaufen, räumt DAI-Chefin Christine Bortenlänger ein. „Jetzt ist wichtig, dass die Anleger trotz des Rückschlags die Nerven behalten“, sagte sie. Die neueste Analyse des DAI zeigt: Wer seit 20 Jahren auf den Dax gesetzt hat, konnte sich im Schnitt über eine jährliche Rendite aus Kursgewinnen und Dividenden von 8,9 Prozent freuen, lautet das Fazit des DAI. ROLF OBERTREIS