Zinspolitik beunruhigt die Anleger

von Redaktion

Eigentlich ist so etwas eine Steilvorlage für die Börse. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält die Zinsen bis mindestens Ende 2019 bei null. Erst im nächsten Jahr wird es nach oben gehen, die Commerzbank-Volkswirte erwarten einen solchen Schritt sogar erst 2021. Selbst dann wird der Leitzins nur langsam steigen. Das spielt eigentlich Aktien und damit auch dem Deutschen Aktienindex Dax in die Karten. Doch nichts davon ist zu sehen: Schon am Donnerstag nach der Entscheidung der Notenbank rutschte das Börsenbarometer ins Minus, am Freitag ging es weiter nach unten. In der ersten Märzwoche verbucht der Dax ein Minus von knapp 1,5 Prozent auf rund 116450 Punkte.

Nach Ansicht von Commerzbank-Chef-Ökonom Jörg Krämer hat das vor allem einen Grund: Die EZB hält die Zinsen niedrig – und pumpt zusätzlich über neue Kreditlinien ab September weitere dreistellige Milliardenbeträge in den Bankensektor – weil sie mit einer deutlichen Abschwächung des Wachstums rechnet. Das wiederum trifft die Unternehmen und ihre Gewinne. Die Schätzungen haben Analysten deutlicher gedrückt als noch Ende vergangenen Jahres erwartet. „Entsprechend senken wir unsere Jahresprognose für den Dax von 12 500 auf 11 800 Punkte“, sagt Krämer.

Die ungelösten Handelskonflikte, das schwächere Wachstum in China und anderen Schwellenländern und der Brexit lasten auf dem Gemüt von Ökonomen und Börsianern. Immerhin könnte sich in der anstehenden Woche in Sachen Brexit ein wenig mehr Klarheit ergeben. Viele Ökonomen rechnen damit, dass sich die Regierung in London und die EU erst einmal auf eine Verschiebung des für Ende März geplanten EU-Austritts verständigen. „Mit den Brexit-Abstimmungsergebnissen dürften die Finanzmärkte gut leben können“, glaubt Robert Greil, Chef-Anlagestratege beim Münchner Bankhaus Merck Finck.

Andere Experten teilen die Skepsis der Commerzbanker nicht und halten an ihren Prognosen fest. Christian Kahler von der DZ Bank verweist auf fehlende Anlage-Alternativen und darauf, dass der Dax immer noch günstig bewertet sei. Auch die Dividendenrendite der Dax-Firmen – die gezahlte Dividende bezogen auf den Aktienkurs – kann sich nach Ansicht Kahlers mit im Schnitt 3,9 Prozent sehen lassen. Es sei die höchste unter den weltweit etablierten Indizes.

Auch die Experten der Landesbank Hessen-Thüringen lassen sich nicht von ihrer Zuversicht abbringen. Klar hätten Aktien zuletzt eine Verschnaufpause eingelegt. Aber die Geschichte des Dax zeigt, sagen sie, dass 2019 ein gutes Börsenjahr werden könnte. Nach einigen Wochen mit Seitwärtsbewegung werde sich der Trend nach oben fortsetzen – bis auf 13 200 Zähler zum Jahresende. Das wäre ein sattes Plus von 25 Prozent. Schließlich rechnet die Bank ab Jahresmitte wieder mit höheren Wachstumserwartungen.

ROLF OBERTREIS

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