E-Scooter: Teuer und wenig nützlich

von Redaktion

Mehr als 40 000 E-Scooter sind inzwischen in deutschen Städten unterwegs. Wie umweltfreundlich sind die Roller? Wie teuer und wie sicher? Stiftung Warentest hat vier Anbieter unter die Lupe genommen. Die Bilanz fällt bescheiden aus.

Drei Tester schickten die Experten mit Leihrollern der Verleiher Circ, Lime, Tier und Voi los. Alle fahren auch in München. Der Start ist einfach: App herunterladen, anmelden, Roller entsperren, losdüsen. Doch bei welchem Anbieter rollt es sich am schönsten? Auf ebenem Untergrund machte den Testern die Fahrt mit allen vier Modellen Spaß, doch sobald es über Kanten, Kopfsteinpflaster oder Huckel ging, war die Gaudi vorbei. Teilweise wurden die Rollerfahrer so durchgeschüttelt, dass sie die Tour wegen Sicherheitsbedenken abbrechen mussten.

Und schon standen sie vor dem nächsten Problem: Die 19 bis 21 Kilogramm schweren E-Roller lassen sich nur mit Mühe auf Bürgersteige wuchten. Dabei kann die Unterseite des Trittbretts, in dem sich der Akku befindet, gegen die Bordsteinkante knallen. Wie lange die Batterien solche Erschütterungen mitmachen, ist unklar.

Abbiegen ist gefährlich

Auch in einem anderen Punkt waren sich die Tester einig: Das Abbiegen ist eine gefährliche Angelegenheit, die Scooter sind für Hand–zeichen und einhändiges Fahren viel zu wackelig.

Die Fahreigenschaften des Tier-Rollers überzeugten die Experten noch am meisten. Selbst für einen Zwei-Meter-Mann war der Lenker hoch genug. Anders ist das beim Circ-Modell, das für sehr große Menschen zu klein ist. Die Elektro-Roller verfügen entweder über je eine Hand- und Fußbremse (Lime, Voi) oder über zwei Handbremsen (Circ, Tier). Die Handbremsen lassen sich tendenziell einfacher bedienen als die Fußbremsen. Denn die Trittbremse erfordert etwas mehr Übung und Balance.

Obwohl die Roller erst seit einigen Wochen durch die Straßen sausten, sahen mehrere Scooter zum Zeitpunkt der Stichprobe im Juli bereits recht mitgenommen aus. Mal war die Klingel kaputt, mal der Lenker verzogen, mal funktionierte eine der beiden Bremsen nicht ordentlich. Oft waren die Rahmen lädiert.

Lime: 31 Euro/Stunde

Die oft ruckelige Fahrt auf dem E-Scooter wird selbst bei kurzen Strecken richtig teuer. Zu einer Entsperrgebühr von einem Euro kamen beim Test bei allen vier Anbietern saftige Minutenpreise dazu. Je nach Stadt liegen sie zwischen 15 und 25 Cent pro Minute. Der Anbieter mit den höchsten Preisen ist Lime. Stundenpakete bietet derzeit nur Circ an. Zum Beispiel zwei Stunden für neun Euro, bei Lime würde das bis zu 31 Euro kosten.

Teurer als Carsharing

Stiftung Warentest hat die Preise für eine kurze sowie für eine längere Strecke exemplarisch für ausgewählte Mobilitätsanbieter verglichen. Die Roller kommen im Preisvergleich auf kurzen Strecken nicht gut weg: Sie sind sogar teurer als der Car–sharing-Anbieter Miles, der kilometerweise abrechnet. Am günstigsten ist Nextbike, der Sieger des Bikesharing-Vergleichs der Stiftung Warentest. Anders als gemietete Autos oder Elektro-Roller von Coup und Emmy dürfen E-Scooter außerdem nur alleine genutzt werden.

An sich ist es ziemlich einfach, per App einen E-Scooter startklarzumachen. Aber welche App ist besonders nutzerfreundlich? Das prüften zwei Experten für die iOS-Versionen der vier Anbieter-Apps. Sie bewerteten unter anderem, wie einfach die Anmeldung ist und wie übersicht–lich die Apps gestaltet sind. Außerdem haben sie sich angesehen, welche Informationen die Apps zur Miete, zu den Scootern und deren Standorten liefern. Ihr Fazit: Alle vier Apps lassen sich recht einfach installieren und nutzen. Die Apps von Circ und Tier waren besonders übersichtlich. Dennoch gab es mit allen Apps im Praxistest immer mal wieder Probleme. Mal klappte das Entsperren des Scooters nicht, mal die Rückgabe. Oder es entstanden Kosten, obwohl Scooter nicht entliehen werden konnten.

Problem bei den AGBs

Kritisiert wird auch, dass die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) in den Apps von Lime, Tier und Voi nur mit Mühe zu finden sind. Und auch inhaltlich sind sie problematisch: Ende August hat der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) die vier E-Scooter-Verleiher sowie den E-Bike-Anbieter Jump Bicycles abgemahnt. Der Grund: Unzulässige Klauseln in den Nutzungsbedingungen. Die Verbraucherschützer kritisierten unter anderem, dass einige Anbieter „ihre Pflicht zur regelmäßigen Wartung und Inspektion vollständig auf die Kunden“ abwälzen, etwa die Kontrolle der Bremsen, Beleuchtung und des Akkus vor Fahrtantritt. Das könnten Verbraucher in der Regel gar nicht fachgerecht ausführen, so der Bundesverband der Verbraucherzentralen. Immerhin: Laut vzbv hat Circ bereits eine Unterlassungserklärung abgegeben und Tier die Bedingungen geändert.

Ohne die Auswertung und Übermittlung von Daten wie Standort- oder Zahlungsdaten funktionieren die Miet–systeme der E-Scooter nicht. Doch welche Daten werden sonst noch erhoben, wenn jemand einen Roller mietet? Die IT-Experten haben den Datenstrom zwischen Apps und Servern im Internet ausgelesen. Ihr Fazit: Die Apps senden mehr Daten als notwendig und sind darauf ausgelegt, viele Nutzerdaten einzusammeln.

Apps: Tracker lesen mit

Die Apps übermittelten in der Android- sowie iOS-Variante beispielsweise einen sogenannten „Device Fingerprint“. Dabei handelt es sich um einen Satz verschiedener Gerätedaten, der so individuell ist, dass damit das Smartphone des Nutzers identifiziert werden kann. Die Experten von Stiftung Warentest halten das für kritisch, da überflüssig. Denn die Anbieter fragen zur Identifizierung des Nutzers ja bereits Handynummer oder E-Mail-Adresse ab.

Außerdem entdeckten die Experten, dass bei allen Apps sogenannte Tracker mitlesen. Diese Analyse-Werkzeuge, zum Beispiel von Facebook oder Google, beobachten und analysieren, wie sich Nutzer in der App bewegen. Bei allen vier Anbietern entrichten E-Scooter Nutzer also nicht nur einen hohen Preis für die Fahrten – sie zahlen darüber hinaus auch noch mit ihren Daten.

Da jede Nacht deutschlandweit tausende E-Scooter oft von Transportern eingesammelt werden, an zentraler Stelle geladen und gewartet und dann frühmorgens wieder auf die Straße gebracht werden, enttäuschen die Miet-Scooter Hoffnungen auf ein umweltfreundliches Verkehrsmittel – zumindest bisher. Mobilitätsforscher Alexander Jung vom Thinktank Agora Verkehrswende sieht in den Miet-E-Scootern dennoch einen Baustein eines multimodalen Stadtverkehrs. „Aus eigener Kraft können die Roller das aber nicht schaffen. Ihr Erfolg hängt davon ab, wie die Städte ihre Verkehrsinfrastruktur insgesamt gestalten.“

Bisher null Nutzen

Martina Hertel vom Deutschen Institut für Urbanistik schätzt den Nutzen der Miet-Roller für den Stadtverkehr bislang auf null: „Nach ersten Beobachtungen ist die Nutzung der Roller bisher ein reiner Eventverkehr für Touristen und Menschen, die Spaß daran haben, die Fahrzeuge auszuprobieren“.

Roller wären, so die Experten, in Außenbezirken eine sinnvolle Möglichkeit, den Weg zwischen Wohnung und ÖPNV-Anbindung zu überbrücken. Doch wer außer–halb wohnt, dem bleibt bislang nur die private Anschaffung eines E-Scooters.

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