Natürlich waren auch die Blicke der Börsianer besorgt, als sie am vergangenen Sonntag auf die Wahlergebnisse in Sachsen und Brandenburg und die drastischen Gewinne der AfD schauten. Um sie am Montag gleich wieder einzuordnen: Für die Wirtschaft und damit auch für den Aktienmarkt hat der Aufstieg der Rechtspopulisten – noch – keine Relevanz. Andere Themen sind viel wichtiger.
Und da sieht es nicht mehr ganz so düster aus wie in den vergangenen Wochen. Im Handelsstreit zwischen den USA und China soll es im Oktober wieder Gespräche geben. In Italien hat sich eine neue Regierung gebildet. Zwar bleibt das Brexit-Chaos groß, aber der britische Premier Boris Johnson hat im Parlament reihenweise Niederlagen kassiert. Ein Austritt ohne Vertrag ist ein wenig unwahrscheinlicher geworden. Eventuell wird der Brexit noch einmal verschoben, was neue Optionen eröffnen würde.
Mit Spannung schauen die Börsianer angesichts getrübter Konjunkturaussichten auf die Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag. Commerzbank-Ökonom Michael Schubert rechnet mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik – durch eine Kombination aus Leitzinssenkung, Staffelzins für Einlagen der Banken und neuen Anleihekäufen. Damit würde das Zinstief gefestigt. Mittlerweile gibt es Experten, die bis mindestens Mitte der 20er-Jahre keine Änderung erwarten. Damit blieben Sparanlagen noch auf Jahre unattraktiv. Was Aktien in die Karten spielt.
Die Skepsis vieler Börsianer ist erst einmal gewichen. Erstmals seit Anfang August hat der Deutsche Aktienindex Dax wieder die Schwelle von 12 000 Punkten überwunden. Allein in der ersten September-Woche hat das Börsenbarometer um gut zwei Prozent zugelegt, am Freitag zeitweise auf mehr als 12 200 Zähler. Robert Halver von der Baader Bank schließt sogar einen „goldenen Aktien-Herbst“ nicht aus. Auch Claudia Windt von der Landesbank Hessen-Thüringen gibt sich wieder zuversichtlicher. Jochen Schallmeyer von der DekaBank traut dem Dax auf Jahressicht wieder 13 000 Punkte zu. Die Aktienstrategen der öffentlichen Banken aber erwarten eine Seitwärtsbewegung und sehen den Dax in einem Jahr im Schnitt bei 12 300 Zählern. Es könnten aber auch nur 11 600 sein. Uwe Streich von der Landesbank Baden-Württemberg hält Aktien für überbewertet. Das passe nicht zu den deutlich gedämpften Gewinnen und Gewinnaussichten der Unternehmen. Trotz der positiveren Signale der letzten Tage ist die Verunsicherung auf dem Börsenparkett weiter erheblich. Zumal es nicht nur in Deutschland zumindest vorübergehend zur Rezession kommen könnte. Sondern womöglich auch in den USA. Und völlig unklar ist, wann sich die Konjunktur in China wieder berappelt. ROLF OBERTREIS