Klimmzüge an der „Wand aus Sorgen“

von Redaktion

In der deutschen Wirtschaft und bei Unternehmen war die Stimmung sowieso schon schlecht. Mitte der Woche kam Bestätigung von den Wirtschaftsweisen in ihrem Herbstgutachten. Für 2019 rechnen sie nur noch mit einem Wachstum von 0,5 Prozent. Allein die Verbraucher halten die Wirtschaft mit ihrem Konsum noch am Laufen.

Mittlerweile merkt man auch in den USA, dass der Handelsstreit mit China nur Verlierer kennt. Die Stimmung in der Industrie jenseits des Atlantiks ist auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren gefallen. Jetzt kommen noch Zölle zwischen den USA und Europa dazu. Also rutschen die Kurse an der Wall Street nach unten. Der Deutsche Aktienindex Dax folgt. Der überraschend gut gelaufene September mit einem Plus von rund vier Prozent auf fast 12 500 Zähler ist vergessen. Sogar die Marke von 12 000 Punkten ist erst einmal passé.

An der schlechten Stimmung und Lage wird sich vorerst nichts ändern. Joachim Goldberg vom gleichnamigen Analysehaus glaubt, dass die Pessimisten erst bei 12 500 umschwenken. Selbst wenn sich Chinesen und Amerikaner demnächst annähern, dauert es, bis ein Vertrag auf dem Tisch liegt. Gleichzeitig geht das Theater um den Brexit weiter. „Steht uns jetzt ein ähnlich schwacher Aktienmarkt wie im vierten Quartal 2018 bevor?“, fragt Jens Herdack von der Weberbank. Vor Jahresfrist sackte der Dax in dieser Zeit um fast 15 Prozent ab. Passiert das wieder, wären die bisherigen Gewinne des Jahres futsch.

Herdack und andere Auguren warnen aber vor übereiltem Handeln und dem Verkauf von Aktien. Die Situation sei völlig anders als vor zwölf Monaten. Tatsächlich wollten die Notenbanken damals ihre großzügige Geldpolitik allmählich beenden. Heute ist davon keine Rede mehr. Die EZB hat den Einlagezins von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent gedrückt. Sie kauft ab November wieder Staatsanleihen. Sie lockert die Geldpolitik weiter, obwohl das etliche Mitglieder des Rates für falsch halten. EZB-Chef Mario Dra–ghi kümmert das wenig. Seine Amtszeit endet am 31. Oktober. Seiner Nachfolgerin Christine Lagarde hinterlässt er einen gespaltenen Rat.

Weil die Geldpolitik noch lange locker und die Zinsen deshalb noch Jahre im Keller bleiben, mahnt nicht nur Weberbanker Herdack, Aktien jetzt nicht hektisch zu verkaufen. „Die konzertierte Liquiditätsbereitstellung der Notenbanken ist in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen.“ Aktien könnten trotz schlechter Stimmung und Rezessionstendenzen zulegen. Das Kapitalmarktumfeld sei herausfordernd, heißt es auf dem Börsenparkett. „Climbing the Wall of Worries“, zitiert Herdack eine Börsenweisheit. „Eine Wand aus Sorgen zu erklimmen“ führe oft zu längeren und stabileren Kursanstiegen als eine schnelle Kursrallye. ROLF OBERTREIS

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