Zumindest ein Belastungsfaktor auch für den Aktienmarkt ist vorerst vom Tisch: Ein ungeregelter Austritt Großbritanniens aus der EU zum 31. Oktober. Das Brexit-Theater ist gleichwohl nicht zu Ende. Die Verschiebung scheint sicher, möglicherweise gibt es Neuwahlen. Und dann? Selbst die Briten wissen es nicht. Börsianer können das Wort Brexit längst nicht mehr hören.
Da schaut man aktuell lieber auf die US-Notenbank Fed. Die dürfte in der nächsten Woche noch einmal die Zinsen senken. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat schon entschieden und kauft ab November wieder Staatsanleihen. Den Einlagezins für Banken hat sie von minus 0,4 auf minus 0,5 Prozent bereits weiter ins Minus gedrückt. Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat durchblicken lassen, dass sie den aktuellen Kurs der EZB für angemessen hält und erst einmal nichts ändern wird.
Andere Themen bleiben für die Börsianer auf dem Radar: Gibt es Bewegung im Handelsstreit USA-China? Wie läuft es bei den Unternehmen? Die Berichtssaison ist in vollem Gang. So schlecht sind die Zahlen bislang nicht, auch wenn die Gewinne in den USA im Schnitt um drei und in Europa um fünf Prozent geschrumpft sind. Experten hatten aber mit noch weniger gerechnet und ihre Erwartungen für den Rest des Jahres stark heruntergeschraubt. Weshalb am Donnerstag die Zahlen der deutschen Schwergewichte Daimler und BASF positiv gewertet wurden, weil sie besser ausfielen als erwartet. Die Kurse zeigten deshalb nach oben. Auch das hievte den Dax auf das neue Jahreshoch von 12 914 Punkten getrieben. Damit hat der Index seit Ende 2018 satt um rund 22 Prozent zugelegt.
Oliver Roth, Börsenchef beim Bankhaus Oddo Seydler, ist das zu viel, er ist skeptisch. Die Märkte liefen besser als die Wirtschaft. Er spricht von einer Blase. Am Freitag meldete die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) erste Dämpfer im Verbrauchervertrauen. „Das ist ein Warnsignal für die Börse“, sagt auch Felix Hermann, Stratege beim Vermögensverwalter BlackRock. Bislang war der private Konsum Stütze der Wirtschaft.
Die Skepsis der Anleger über die Nachhaltigkeit der Rally an der Börse steige, auch wenn bei vielen die Laune noch gut sei, beobachtet Robert Halver von der Baader Bank. Die Verunsicherung zeigt sich in aktuellen Prognosen. Commerzbank-Stratege Andreas Hürkamp sieht den Dax bis Ende November erheblich schwanken. DZ-Banker glauben, dass das Börsenbarometer erst Mitte 2020 ein Niveau von 13 000 erreicht. Von einem starken Einbruch oder gar einen Crash ist unter Experten aber nichts zu hören. Das verhindern die noch auf Jahre niedrigen Zinsen. Die Alternativen zu soliden Aktien bleiben rar. ROLF OBERTREIS