Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft und auch für die Börse. Ein seit drei Jahren dafür verantwortlicher Faktor kann jetzt offenbar ad acta gelegt werden: der Brexit. Nach der Wahl von Boris Johnson und der klaren Mehrheit für die Konservation steht der Austritt der Briten aus der EU fest. Auch wenn noch nicht klar ist, wie er am Ende aussehen wird. „Die politische Unsicherheit hat sich erst einmal verflüchtigt“, sagt Markus Reinwand von der Landesbank Hessen-Thüringen.
Als im Juni 2016 die Briten völlig überraschend für den Austritt aus der EU stimmten, verlor der Deutsche Aktienindex Dax am Tag danach fast sieben Prozent, erinnert Markus Wallner von der Commerzbank. Heute lässt auch ihn das Thema weitgehend gelassen. Zum einen macht Großbritannien am Umsatz und Betriebsgewinn der Dax-Unternehmen weniger als zehn Prozent aus. „Zudem haben viele Unternehmen bereits Vorkehrungen hinsichtlich Logistik und Produktionsverlagerung getroffen“, sagt Wallner.
Auch beim anderen Thema, dass die Börse seit Monaten umtreibt, deutet sich Bewegung an. Der erste Teil einer Lösung im unseligen Handelsstreit zwischen den USA und China deutet sich an. Aus Peking hieß es am Freitag, es gebe große Fortschritte. Die USA wollten bereits verhängte Zölle zurücknehmen. Das hat den Aktienkursen zum Wochenschluss Schub gegeben. Sollte sich die Entwicklung bestätigen, dürfte es die zum Jahresende erhoffte Rally geben. Selbst wenn sich in den letzten acht Handelstagen des Jahres 2019 (am 30. Dezember ist Schluss) nichts mehr nach bewegen sollte – das Börsenjahr kann sich sehen lassen. Um gut 25 Prozent hat der Dax bislang zugelegt – von 10 558 auf rund 13 300 Punkte. Es ist das zweitbeste Börsenjahr seit 2005. Die Verluste des schlechten Jahres 2018 sind mehr als ausgeglichen.
„Die letzten beiden Wochen eines Jahres zählen rein statistisch zu den erfolgreichsten des Jahres“, macht Michael Bissinger von der DZ Bank Hoffnung auf noch mehr.
Von der Zinsseite droht Aktien ohnehin keine Gefahr. Christine Lagarde, die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank und der Rat werden auf absehbare Zeit nicht an der Zinsschraube drehen. Die Sätze bleiben tief im Keller. Allerdings warnt Aktienstratege Reinwand, nicht zu stark auf diesen Faktor zu setzen. „Als Kurstreiber stößt die Geldpolitik allmählich an ihre Grenzen“.
Andere Beobachter betrachten die Kurse längst nicht mehr als günstig und deutlich höher als fair bewertet. Aber zu für Gewinnmitnahmen raten sie gleichwohl nicht. „Gewinne laufen lassen“ heißt die Devise. Erst einmal bis zum Jahresende. Dann werden die Karten neu gemischt. ROLF OBERTREIS