Viele Börsenneulinge erleben wegen Corona derzeit ihren ersten kleinen Crash. Was sagen Sie denen?
Zunächst einmal hoffe ich, dass Anleger nur das Geld am Aktienmarkt investiert haben, auf das sie auch langfristig verzichten können. Langfristig heißt, mindestens sieben Jahre. Grundsätzlich muss einem klar sein, dass Kursschwankungen – auch starke – an der Börse dazu gehören.
Also alles ganz normal?
Nein. Was diesmal anders ist und Beachtung verdient, ist der Umstand, dass uns allen die Erfahrung mit so einer Pandemie fehlt.
Ist die Situation nicht vergleichbar mit der Lungenkrankheit Sars vor einigen Jahren?
Ich glaube nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass es wegen Sars in Europa Quarantänemaßnahmen oder Messeabsagen gegeben hätte. Im Ausmaß ist Corona wirklich neu – selbst wenn das Virus sich letztlich als gar nicht so schlimm herausstellen sollte. Wenn aber Staaten und Unternehmen so reagieren, wie sie es jetzt tun, und es zu Produktionsausfällen größeren Ausmaßes kommt, ist wahrscheinlich, dass das die Weltwirtschaft beeinträchtigt. Das Wachstum könnte wesentlich geringer oder sogar negativ ausfallen. Das ist die große Ungewissheit: Welchen Schaden werden die weiteren Reaktionen auf das Virus in der Wirtschaft anrichten? Und das haben wir in dem Umfang im Zusammenhang mit einer Krankheit noch nicht erlebt.
Was also tun?
Ein langfristig orientierter Anleger sollte grundsätzlich Ruhe bewahren. Wer aber auf dicken Gewinnen sitzt und sowieso vorhatte, mal Kasse zu machen, der macht es besser jetzt.
Ist das nicht der falsche Zeitpunkt, wo die Kurse doch so gesunken sind?
Das Kursniveau auf den meisten Märkten liegt momentan da, wo es Mitte Dezember war. Damals war die allgemeine Einschätzung, dass Aktien zu teuer sind, um einzusteigen. Klar, jetzt sind die Kurse niedriger, aber es ist noch nicht dramatisch. So etwas muss man an der Börse aushalten können. Und den Höchstkurs zum Ausstieg wird man sowieso nie erwischen.
Gilt das auch, wenn man einen Sparplan hat?
Nein, wer einen Aktiensparplan hat, zahlt monatlich eine feste Summe ein und kauft so in Zeiten mit niedrigen Kursen automatisch mehr Anteile. So einen Sparplan jetzt zu stoppen, wäre kontraproduktiv. Den sollte man ruhig durchziehen. Das gilt auch für andere Aktienbesitzer, die langfristig orientiert sind: Sie sollten einfach drinbleiben. Nur wer weiß, dass er demnächst Geld brauchen wird, sollte lieber jetzt über einen Ausstieg nachdenken, als noch weiter abzuwarten. Denn möglicherweise sinken die Kurse noch tiefer.
Gehen Sie davon aus?
Wie es weitergeht, kann momentan niemand sagen. Was man aber weiß, ist, dass die Börse gerne übertreibt. Und das heißt, dass es sein kann, dass die Kurse noch mal richtig auf Talfahrt gehen können – selbst wenn die Corona-Krise sich als gar nicht so schlimm erweisen sollte.
Es gibt zwei alte – einander widersprechende – Börsenweisheiten. „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“ oder „Nicht ins fallende Messer greifen“. Was ist momentan ratsam?
Ich werde derzeit tatsächlich oft gefragt, ob man denn jetzt nicht Aktien kaufen sollte. Ich antworte dann: Im Dezember fanden Sie die Kurse zu hoch zum Einsteigen, jetzt mit dem zusätzlichen Corona-Risiko wollen Sie kaufen? Wo ist da die Logik?
Also lieber nicht ins fallende Messer greifen?
Genau. Wenn ich auf der Käuferseite wäre, würde ich einfach noch abwarten und die Entwicklung beobachten. Wenn jetzt das niedrigste Kursniveau schon erreicht sein sollte – dann hat man es eben verpasst. Zum jetzigen Zeitpunkt zu kaufen, da wäre mir das Risiko zu hoch.
Interview: Corinna Maier