Börsianer starren auf Corona-Kurven

von Redaktion

Die gigantischen Hilfsprogramme der Regierungen sind geschnürt, die Geldspritzen der Notenbanken angesetzt. Von dieser Seite wird es für die Börse in nächster Zeit keine neuen Impulse geben. Jetzt dürften Nachrichten aus der Wirtschaft das Geschehen dominieren, wie jüngst der dramatische Anstieg der Arbeitslosenzahlen in den USA oder die abgestürzten Konjunkturerwartungen.

Zudem müssen Aktionäre in vielen Fällen auf die Zahlung der Dividenden verzichten, weil die geplanten Hauptversammlungen verschoben werden. Oder die Ausschüttung fällt ganz aus. Mehrere Unternehmen haben die Dividende gestrichen, um damit Geld für die Bewältigung der Corona-Folgen in der Kasse zu behalten.

„Aber der erste Schock ist an den Finanzmärkten verarbeitet“, sagt Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der DekaBank. In der abgelaufenen Woche legte der Dax um rund sieben Prozent zu, arbeitete sich zeitweise auf mehr als 10 100 Zähler hoch bevor er am Freitag wieder auf rund 9600 abrutschte. „Mit hohen Schwankungen an den Finanzmärkten wird es wohl noch eine ganze Weile weitergehen“, ist sich Kater sicher.

Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlage-Stratege der Commerzbank, macht Anlegern aber Mut. „Wir haben noch drei bis vier schwierige Wochen vor uns.“ Dann würden die drastischen Maßnahmen der Regierungen und der Notenbanken greifen. „Wir erwarten im zweiten Halbjahr eine spürbare konjunkturelle Erholung.“ Die, so Schickentanz, würden die Kapitalmärkte nach und nach vorwegnehmen. „Bis Jahresende besteht die Chance, dass der Dax locker 20 Prozent höher steht als derzeit.“

Oliver Roth, Chefhändler beim Bankhaus Oddo Seydler, hält die rasante Talfahrt für überzogen. „Das haben Crashs an sich, sie übertreiben nach unten.“ Roth sieht längst wieder Kaufkurse, Papiere mancher Unternehmen würden derzeit unter ihren Vermögenswerten gehandelt. Michael Bissinger von der DZ Bank spricht angesichts der massiven Verluste der letzten Wochen – von fast 13 800 auf zeitweise weniger als 9000 – von den möglicherweise „besten Anlagemöglichkeiten für Aktienanleger der vergangenen Jahrzehnte“. Bei 11 500 Zählern sieht er den Dax am Jahresende.

Robert Greil vom Bankhaus Merck Finck warnt. „Die Börsen sind noch nicht über den Berg.“ Die erste Marktstabilisierung müsse sich erst noch beweisen. „Damit sie nachhaltig wird, sind positive Virus-Nachrichten unerlässlich“, meint Greil.

Auch auf den Bildschirmen der Händler werden jeden Tag die Corona-Daten des Robert-Koch Instituts und der Johns Hopkins Universität aufgerufen. Die Corona-Kurven, die die Zahl von Infizierten anzeigen, gehen weiter steil nach oben. Erst wenn sich der Anstieg abflacht, dürften sich auch die Kurven der Aktienkurse wieder nach oben bewegen. Noch ist davon wenig zu sehen. Der rasante Anstieg der Infizierten in den USA, mittlerweile vor China das Corona-Land Nummer eins, sorgt auch auf dem Börsenparkett für sorgenvolle Mienen. ROLF OBERTREIS

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