„Das Geld besser in ETFs stecken“

von Redaktion

INTERVIEW Hermann-Josef Tenhagen gibt Anlegern Tipps in turbulenten Zeiten

Hermann-Josef Tenhagen ist Experte des Verbraucherportals Finanztip.de. Wir sprachen mit ihm über das Auf und Ab an den Börsen in den vergangenen Wochen und die Frage, worauf Anleger jetzt achten sollten.

Die Menschen sind verunsichert, auch was ihre Geldanlagen angeht. Die Börse spiegelt diese Verunsicherung. Kann man im Moment seriöse Finanztipps geben?

Ja, man kann den Menschen zwei Tipps mit auf den Weg geben: Alles, was langfristig angelegt ist, sollte man im Kern unangetastet lassen. Also ruhig bleiben. Wenn man einen Fondssparplan über zehn, 15 oder 20 Jahre hat, dann einfach weiterlaufen lassen. Und bei allem, was ich kurzfristig brauche, muss ich schauen, dass ich das sicherstelle.

Was heißt das?

Wenn ich jetzt im Herbst 20 000 Euro benötige, zum Beispiel für eine Anschaffung, und wollte das eigentlich aus meinem Depot nehmen, dann würde ich nicht mehr bis Herbst warten, sondern würde die Summe jetzt sofort rausnehmen, auch wenn ich mit einem Verlust leben muss. Aber man sollte als Anleger wirklich nicht mehr aus dem Aktiendepot nehmen, als unbedingt nötig ist.

Wie ist es mit Tages- und Festgeldkonten?

Bis zu 100 0000 Euro sind ja pro Bank und Kopf in Ordnung – bei allem anderen muss man schauen. Mit einer klassischen Lebensversicherung hat man aktuell keine Probleme, ist die Lebensversicherung Fonds-gestützt und soll jetzt ausbezahlt werden, dann hab ich das Problem, dass die Fondswerte aktuell im Keller sind. Dann sollte man sich aber mal den Vertrag genauer ansehen und schauen, ob man ihn nicht noch stehen lassen kann – vielleicht noch drei, vier Jahre.

Geht das so einfach?

Häufig ist das in den Verträgen recht einfach möglich. Man sollte das auf jeden Fall prüfen. Aber Achtung: Nur ein Jahr zu verlängern könnte riskant sein. Davon würde ich abraten.

Wäre es in der aktuellen Situation gut, ganz neu Geld anzulegen?

Wenn ich jetzt sowieso zu Hause bin, würde ich die Zeit nutzen, um ein Depot einzurichten – bei einer preiswerten Bank, bei der das Depot nichts kostet. Und vielleicht würde ich dann auch mit einem Sparplan anfangen. In dieser Woche würde ich aber vielleicht nicht gleich mit größeren Summen einsteigen.

Wann wäre dafür der richtige Zeitpunkt?

Wenn’s um größere Summen geht, die ich länger nicht brauche, also zehn Jahre und mehr, dann kann ich mir schon überlegen, ob ich jetzt am Aktienmarkt einsteige. Der Dax mit seinen 30 Titeln war diese Woche zeitweise sogar 40 Prozent günstiger als noch vor sechs Wochen.

Konkret?

Ich würde die Summe eher in einen ETF stecken, also in börsengehandelte Indexfonds, aber nicht in ETF, die sich am Dax orientieren, sondern in die, die das weltweite Geschehen abbilden, wie beispielsweise der MSCI World.

Warum?

Man sieht ja, dass der MSCI World, der auf 1600 Titeln beruht, in den letzten Wochen „nur“ rund 30 Prozent verloren hat, während es beim Dax 40 waren. Das war in der Vergangenheit schon oft so. Die Ausschläge sind nicht ganz so heftig.

Sollte man alles auf einmal investieren?

Ich würde das Geld – sagen wir bei einem Betrag von zehn- bis dreißigtausend Euro – über einige Monate verteilen. Also jetzt erst mal noch ein bisschen abwarten bis zur ersten Rate, dann in zwei, drei Monaten die zweite und drei Monate später die dritte Rate. Aber wirklich nur Geld investieren, das man langfristig wirklich nicht braucht.

Ist ist sinnvoll, jetzt einen ETF-Sparplan zu starten?

Der Zeitpunkt ist in jedem Fall besser als noch vor vier Wochen. Man kann – natürlich abhängig von seinem Einkommen – auch überlegen, ob man jetzt nicht etwas mehr Geld investiert. Aber die meisten Menschen werden sich aktuell wohl nicht fragen, was mit ihrem Geld passiert, sondern, ob ihr Job noch sicher ist. Deswegen ist es auch wirklich wichtig, dass man das investierte Geld langfristig nicht benötigt. Denn wenn man jetzt in der ersten Welle der Corona-Krise heil davonkommt, aber in einem halben Jahr vielleicht doch in die Kurzarbeit muss und dann das Geld braucht, das wäre nicht gut. Womöglich müsste man dann seinen Dispo in Anspruch nehmen, um seinen Verpflichtungen nachzukommen.

Müssen die Menschen Angst haben, dass der Finanzmarkt kollabiert?

Nein. Besondere Ängste sollte man nur haben, wenn eine Katastrophe kommt. Und wenn die käme, dann wäre die Geldanlage eines meiner lässlichen Probleme. Denn dann zählen erst mal die Gesundheit, dass das Staatswesen weiter funktioniert und dass die Krankenhäuser funktionieren. Das ist dann alles wichtiger, als eine ein oder zwei Prozent höhere Rendite.

Es gibt Menschen, die fürchten genau eine solche Katastrophe.

Ich nicht. Man hat selten so viel Entschlossenheit in der Politik gesehen, und zwar in ganz Europa. Und selbst der Idiot im Weißen Haus, Donald Trump, hat verstanden, dass er alles tun muss, um die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Fazit: Es gibt aktuell Wichtigeres als Rendite.

Klar. Aber wenn man das Geld nicht braucht, ist es jetzt natürlich besser im Aktienmarkt aufgehoben als noch vor vier Wochen. Vorrangig ist aber trotzdem, dass man sein Vermögen so anlegt, dass man mit dieser Krise überwintern kann.

Sie rechnen damit, dass die Krise länger dauert?

Ja. Die Maßnahmen der Bundesregierung beziehen sich jetzt ja auf den Sommer, aber sie enthalten Klauseln, dass man die Regelungen jederzeit verlängern kann.

Sollte man jetzt Immobilien kaufen?

Jedenfalls nicht da, wo die Wahnsinnspreise aufgerufen werden. Und jedenfalls nur, wenn die Finanzierung solide ist. Also entweder viel Eigenkapital oder ein sicherer Job, noch besser beides.

Interview: Wolfgang de Ponte

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