Allmählich kehrt wieder Realismus ein

von Redaktion

US-Notenbank-Chef Jerome Powell hat ausgesprochen, was jeder an der Börse weiß und zuletzt geflissentlich ignoriert hat. Weshalb die Kurse auch im Deutschen Aktienindex Dax seit dem Tief Mitte März und rund 50 Prozent zugelegt haben. „Powell hat es geschafft, die Anleger auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, indem er an das verheerende Ausmaß der Pandemie erinnerte“, sagt Claudia Windt von der Landesbank Hessen-Thüringen.

Die gesundheitlichen Folgen gerade in den USA sind dramatisch. Die US-Wirtschaft wird in diesem Jahr um 6,5 Prozent einbrechen. Die USA erlebten den größten wirtschaftlichen Schock, an den man sich erinnern könne. Bis 2022 ist jede Zinserhöhung ausgeschlossen. In Europa und weltweit sieht es wegen der Corona-Pandemie nicht besser aus. An der Wall Street in New York brechen die Kurse am Donnerstag um rund sieben Prozent ein, im Dax geht es um 4,5 Prozent runter auf wieder weniger als 12 000 Zähler.

Ein Tag später sind Powells Worte und die dramatische Lage der Weltwirtschaft fast schon wieder vergessen. Der Dax überwindet locker die Marke von 12 000 und steigt zeitweise wieder um rund zwei Prozent auf knapp 12 200 Punkte, bevor er zum Handelsschluss doch auf unter 12 000 abrutscht. Gegenüber dem Schluss der Vorwoche ist es ein deutlicher Dämpfer von rund 900 Zählern oder fast sieben Prozent. Börsianer und Anleger scheinen die Lage nach der übertriebenen Zuversicht der Tage seit Mitte Mai wieder realistischer und vorsichtiger einzuschätzen.

Fakt ist aber auch: Die Notenbanken und die Regierungen stellen Billionen zur Überwindung der Krise bereit. Das ist Geld, das nicht nur an gebeutelte Unternehmen fließt, sondern auch nach Anlagemöglichkeiten sucht. Da bieten sich weiter vor allem solide Aktien an. Die Zinsen sind und bleiben im Keller. Sie werden, was US-Notenbank-Chef Powell deutlich gemacht hat, noch auf Jahre dort verharren. Bei Sparanlagen und auch bei Anleihen ist solange nichts zu holen. Man verliert damit sogar Geld. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bleibt mit gut minus 0,4 Prozent weiter im negativen Bereich. Bei zehnjährigen US-Staatsanleihen sind es wenigstens noch knapp 0,7 Prozent – plus wohlgemerkt. Aber auch hier, das hat Powell deutlich gemacht, zeigt die Richtung eher nach unten.

„Auf die kommenden Jahre bleiben Aktien trotz der Ernüchterung in dieser Woche vielversprechende Anlagen, insbesondere im Vergleich zu anderen Anlagemöglichkeiten“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank. Und er verbreitet leichte Zuversicht. „Die kommenden Wochen werden wieder von deutlich besseren Wirtschaftsdaten geprägt sein.“ Auch Stefan Kreuzmann, Chefanlage-Stratege der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS ist durchaus positiv gestimmt. „Die Anleger preisen wieder ein Wachstum der Gewinne je Aktie ein.“ Gerade in Asien erwartet er eine deutliche Erholung. Der Kontinent sei als erster in die Krise gerutscht und komme als erster wieder heraus. In Europa und in den USA geht es langsam. Viele Experten rechnen in den nächsten Monaten mit einer Seitwärtsbewegung der Kurs und sehen den Dax am Jahresende zwischen 11 550 und 12 000 Punkten. ROLF OBERTREIS

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