Der Crash war heftig – die Erholung aber auch: Im März ging es an den Börsen weltweit abwärts, der Dax rutschte beispielsweise von fast 14 000 Punkten innerhalb weniger Tage auf unter 9000 Punkte. Es folgte die große Überraschung: In einer selten gesehenen Rally holten die Börsen rund um den Globus ihre Verluste wieder auf, der Dax ist dem Vorkrisenniveau inzwischen wieder erstaunlich nahe gekommen. Wir sprachen mit Jens Ehrhardt, einem der prominentesten Fondsmanager in Deutschland, über die aktuelle Lage an den Märkten.
Die Weltbank warnt vor der heftigsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg – und die Aktienkurse kennen weltweit seit Wochen nur noch eine Richtung: nach oben. Was ist da los an den Börsen?
Das ist für einen wirtschaftlich denkenden Menschen aktuell schwer nachzuvollziehen, was sich da abspielt. Aber das liegt daran, dass die Börse die Zukunft immer ein bisschen vorwegnimmt. Das klingt natürlich unheimlich, schließlich kann auch die Börse nicht in die Zukunft schauen.
Genau genommen nimmt die Börse nicht die Zukunft vorweg, sondern ein bestimmtes Szenario. Die Anleger gehen davon aus, dass wir halbwegs glimpflich durch die Corona-Pandemie kommen – und zwar ohne zweiten Lockdown.
Das ist richtig. Die positive Reaktion an den Börsen unterstellt, dass es keine zweite Welle gibt. Die Krise ist ja ausgelöst durch die Pandemie. Das ist ja der einzige Grund, warum die Konjunktur so in sich zusammengefallen ist. Eine erneute Verschlechterung an der Corona-Front wäre natürlich ein Grund, die ganzen positiven Wirtschaftsprognosen wieder über den Haufen zu werfen.
Für wie wahrscheinlich halten Sie das?
Natürlich kann niemand sagen, ob es im Herbst nicht doch zu einer zweiten Welle kommt. Aber Europa hat seit dem Frühjahr viel gelernt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es keinen zweiten Lockdown geben wird. Man sieht ja in Ländern wie Japan oder Taiwan, dass man auch ohne ein großes Herunterfahren der Wirtschaft das Infektionsgeschehen ganz gut in den Griff bekommt. Durch viel Testen, die Abriegelung von Hotspots und Masken kann man viel erreichen.
Ist dieses optimistische Szenario der einzige Grund für die Aufholjagd an den Börsen?
Nein. Eine entscheidende Rolle spielen die Notenbanken. Die stemmen sich gegen die Krise wie noch nie. Selbst während der Finanzkrise 2008/2009 haben die Zentralbanken nicht so stark reagiert. Wegen ihres Eingreifens sind die Börsen wieder so schnell hochgekommen, gepaart mit einer Vorwegnahme der zukünftig besseren Wirtschaftsentwicklung. Die Stimmungsindikatoren zeigen ja wieder nach oben. Es ist ziemlich sicher, dass sich die Wirtschaft im zweiten Halbjahr und vor allem im nächsten Jahr wieder erholen wird.
Was bedeutet das für Kleinanleger? Beobachten wir gerade Einstiegskurse?
Ich denke schon. Ich glaube nicht, dass eine längere Rezession auf uns zukommt. Ich denke, dass es den Regierungen gelingen wird, mit ihren Konjunkturpaketen die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Außerdem fehlen Anlegern die Alternativen.
Weil die Zinsen niedrig bleiben?
Genau. Früher hätte man in einer solchen Krisensituation wie jetzt gesagt, dass man vielleicht die Hälfte des Anlagevermögens in Staatsanleihen mit fünf Prozent Zinsen anlegt und noch ein paar Unternehmensanleihen beimischt. Aber heute geht das nicht mehr. Nur ein Beispiel: Infineon hat jetzt eine Anleihe mit einer Laufzeit von mehreren Jahren rausgegeben, die mit 1,5 Prozent verzinst ist. Das bringt nicht viel Rendite. Und Staatsanleihen mit Negativzinsen bringen ohnehin nichts. Bleiben am Ende also nur Aktien.
Wie sieht es mit Gold aus? Immerhin eine klassische Krisenanlage.
Etwas Gold als Bodensatz im Depot ist immer gut, der Anteil sollte etwa bei fünf bis zehn Prozent liegen. Mir kommt es aber so vor, als würden jetzt zu viele Anleger auf den Gold-Zug aufspringen. Und wenn das alle machen, steigt natürlich der Preis. Zwar glaube ich nicht, dass der Goldpreis jetzt krachend in sich zusammenfallen wird, aber die Kurse sind in Euro gerechnet schon auf einem Allzeithoch. Dabei braucht sich gerade niemand mit Gold vor einer Inflation zu schützen, denn die sehe ich nicht kommen.
Wenn also nur Aktien bleiben: Welche Branchen empfehlen Sie?
Solide Titel sind aktuell die richtige Anlage, gerade für Kleinanleger. Auch von Airlines und Reisekonzernen würde ich momentan die Finger lassen.
Was sind in Ihren Augen solide Werte?
Beispielsweise die großen Konsumgüterhersteller der Welt. Denn konsumiert wird immer. Aber auch deutsche Energieunternehmen versprechen Rendite. Der Stromverbrauch wird in den kommenden Jahren beispielsweise durch die Elektromobilität weiter steigen. Zudem ist der Strommarkt teilweise reguliert und damit wenig riskant. Außerdem wird die Energiewende der Branche neues Wachstum bringen.
Und wie geht es generell an den Aktienmärkten weiter?
Wenn nicht eine ganz massive neue Corona-Welle auf uns zurollt und es nicht zu einem zweiten Lockdown kommt, dann gibt es weiter Luft nach oben. In den kommenden Monaten werden wir aber eher eine Seitwärtsbewegung beobachten.
Mit heftigen Rücksetzern?
Das glaube ich nicht. Sollte es Rückschläge geben, dürften Investoren diesen Moment zum Kauf nutzen, da noch immer viele Anleger auf Barreserven sitzen und den Einstieg während des Tiefs im Frühjahr verpasst haben. Daher sollte es nach kurzen Rückschlägen schnell wieder aufwärts gehen. Klar wird es in dieser Seitwärtsbewegung mal rauf und mal runter gehen – aber der Trend geht klar nach oben.
Wo sehen Sie den Dax zum Jahresende?
Ich könnte mir schon vorstellen, dass man in die Nähe der alten Hochs kommt. Wir waren ja im Februar bei fast 14 000 Punkten, das könnte ich mir im zweiten Halbjahr schon vorstellen, bevor wir im nächsten Jahr dann historische Höchstkurse sehen. Voraussetzung natürlich immer, dass wir jetzt glimpflich durch die Pandemie kommen und Trump nicht doch noch einen neuen Handelskrieg mit China vom Zaum bricht.
Interview: Sebastian Hölzle