Es war ein erstes Halbjahr, das auch an der Börse in die Geschichte eingehen dürfte. Am 17. Februar steigt der Deutsche Aktienindex Dax auf ein neues Rekordhoch von 13 795 Punkten. Knapp vier Wochen später ist das Makulatur. Die Corona-Pandemie lässt das Börsenbarometer um 40 Prozent auf 8256 Punkte abstürzen. Dann geht es wieder steil nach oben auf rund 12 900. Mit 12 310 Zähler beschließt der Dax die nervenaufreibenden ersten sechs Monate – ein Minus von nur sieben Prozent gegenüber dem Stand Ende 2019. Und in den ersten Juli-Tagen ist der Dax wieder geklettert und hat den Verlust bei gut 12 500 Zählern auf nur noch knapp sechs Prozent begrenzt. Dass ist vor allem den beispiellosen Anti-Corona- und Konjunkturprogrammen der Regierungen und von den Billionen Geldspritzen der Notenbanken geschuldet.
Der Verlierer und das Skandal-Unternehmen nicht nur des ersten Halbjahres steht längst fest: Wirecard. Anleger haben bei der Pleitefirma fast ihr gesamtes Geld verloren. Da kann sich glücklich schätzen, wer Aktien von MTU, Daimler, Continental, BMW oder VW im Depot hat. Die Verluste seit Ende 2019 liegen „nur“ zwischen rund 40 und 20 Prozent.
Aber wie geht es weiter? Die ersten Juli-Tage geben Anlass für Zuversicht. Aber so starke Ausschläge wie im ersten Halbjahr dürften sich nicht wiederholen. Und die Risiken bleiben: Das Virus ist längst nicht beseitigt, wie die dramatische Entwicklung der Neuinfektionen vor allem in den USA zeigt. Unklar ist auch, ob sich die Konjunktur nach dem starken Einbruch vor allem im zweiten Quartal und der Rezession in diesem Jahr, ab 2021 wirklich wie erhofft erholt.
Dann ist da das Dauerthema Brexit. Die Befürchtungen wachsen, dass sich die Briten endgültig ohne Abkommen verabschieden, was vor allem ihnen schadet, aber auch der EU. Die Handelskonflikte zwischen den USA und China sind ungelöst, auch zwischen Europa und dem vermeintlichen Partner auf der anderen Seite des Atlantiks gibt es handelspolitische Verstimmungen. Und nicht zuletzt steht der Wahlkampf in den USA ins Haus.
„Letztlich bleibt die alte Frage: Was haben Aktien eingepreist und wo liegen Überraschungspotenziale?“, stochert auch Markus Reinwand von der Landesbank Hessen-Thüringen leicht im Nebel. Er erwartet im dritten Quartal einen „Realitätscheck“ an der Börse mit leichter Tendenz nach unten. Robert Halver von der Baader Bank erkennt einen „breiten Seitwärtstrend“ im Sommer. „Aktien bleiben verwundbar.“ Christian Kahler von der DZ Bank sieht auch erst einmal „Rücksetzer“ wegen steigender Corona-Zahlen. Auf Jahressicht aber ist er zuversichtlich und erwartet im Dax 13 500 Punkte Mitte 2021. „Hauptrisiko für unsere Prognose bleibt eine zweite Corona-Welle, wenngleich diese weniger stark wirken sollte als die erste.“ Was Aktien weiter stützt sind die niedrigen Zinsen. Anleihen werfen kaum etwas ab. Wie die gesamte Wirtschaft hängt aber auch die Börse vor allem an einer Hoffnung: Einem Impfstoff gegen Covid-19. ROLF OBERTREIS