Goldpreis bricht alle Rekorde

von Redaktion

VON SEBASTIAN HÖLZLE

Die Rekordjagd beim Goldpreis geht ungebremst weiter: Am Mittwochmittag erreichte der Preis für eine Feinunze (rund 31,1 Gramm) an der Börse einen neuen Höchststand von gut 2041 Dollar, nachdem die Notierung erst am Dienstagabend die Marke von 2000 Dollar geknackt hatte. Seit Beginn des Jahres hat das gelbe Edelmetall damit rund ein Drittel an Wert gewonnen (siehe Grafik). In Euro gerechnet hatte der Preis für eine Feinunze Gold in der vergangenen Nacht ebenfalls einen neuen Rekordwert bei 1720,04 Euro erreicht.

Wie ist die aktuelle Situation bei Händlern?

Tobias Scherer, Chef des Edelmetallhändlers Auragentum aus Erding, hat beobachtet, dass insbesondere in den vergangenen beiden Wochen die Nachfrage noch einmal kräftig angezogen hat. Und inzwischen hat sich noch etwas geändert: „Es sind jetzt zunehmend mehr Verkäufer am Markt, die den hohen Goldpreis nutzen wollen, um Kasse zu machen“, sagt Scherer. Insgesamt sei das gehandelte Gesamtvolumen bei Auragentum aktuell dreimal so hoch wie an einem gewöhnlichen Durchschnittstag. Im Schatten der Goldrekorde hat auch die Silbernachfrage massiv angezogen: „Wir verkaufen gerade jeden Tag ein bis zwei Tonnen Silber“, sagt Scherer. „Die Anleger spekulieren darauf, dass der Silberpreis dem Goldpreis folgt, denn hier sehen sie noch Luft nach oben.“

Warum rast der Goldpreis von einem Rekord zum nächsten?

Experten sehen den Goldrausch nicht etwa als eine Krisenflucht in den „sicheren Hafen“, sondern als eine Folge der Notenbankpolitik. „Je niedriger die Zinsen, desto höher ist der Goldpreis“, sagt Rohstoffexpertin Gabriele Widmann von der DekaBank. Die Corona-Pandemie ist damit nur indirekt ein Treiber für den Höhenflug des Goldpreises. Weil die Notenbanken weltweit als Reaktion auf die Krise die Zinsen noch einmal gedrückt hätten, habe sich Gold verteuert. „Wir beobachten das nicht nur am Goldmarkt, sondern auch in anderen Rohstoffsegmenten“, sagt Rohstoffexperte Eugen Weinberg von der Commerzbank. „Die Geldflut treibt alle Boote nach oben.“ Der Grund für den hohen Goldpreis sei nicht die Krise oder die Angst vor der Krise. „Wenn die Geldmenge wegen der Intervention der Notenbanken ansteige, laufen die Anleger in Scharen in andere Anlagenklassen.“ Das Phänomen lasse sich beispielsweise auch am Aktienmarkt beobachten – hier hat der Dax seit dem Corona-Crash im März sein Vorkrisenniveau fast wieder erreicht.

Ist der hohe Goldpreis auch Folge einer Verknappung des Edelmetalls?

„Es mag überraschend klingen, aber für den Goldpreis ist es völlig unwichtig, ob in Südafrika eine Mine schließt und in der Folge zehn bis 20 Tonnen weniger Gold auf dem Weltmarkt zu kaufen sind“, sagt Weinberg. Bei Gold zähle vor allem die Beliebtheit. Der Goldpreis verhalte sich daher eher wie eine Währung.

Wer sind die großen Nachfrager?

Zahlen von DekaBank-Expertin Widmann zeigen: Etwa sieben Prozent des weltweiten Goldes wurden im zweiten Quartal von der Industrie nachgefragt. Die Goldnachfrage der Notenbanken lag bei etwa zehn Prozent. Goldschmuck wurde zwischen April und Juni kaum gekauft. Eigentlich liegt dieser Anteil bei rund 50 Prozent, im zweiten Quartal schrumpfte die Goldschmucknachfrage aber auf 20 Prozent zusammen. „China und Indien sind eigentlich die großen Schmucknachfrager“, sagt Widmann. Wegen des Lockdowns sei aber weniger gekauft worden. „Wenn es in Indien keine großen Hochzeitsfeiern mehr gibt, wirkt sich das auf die Goldnachfrage aus.“ Das klingt paradox: Geht die Nachfrage zurück, sinken eigentlich die Preise. Der Goldmarkt funktioniert aber anders, da Schmuck nur ein Teil der Gesamtnachfrage darstellt. „Fast 50 Prozent der weltweiten Goldnachfrage entfielen im zweiten Quartal auf Finanzanleger“, erklärt Widmann. Das seien beispielsweise große Vermögensverwalter, aber auch Versicherungen oder Pensionsfonds – und die reagierten in ihrem Anlageverhalten eher auf Zinsbewegungen.

Ist die Rekordjagd am Goldmarkt ein Anzeichen für eine Blasenbildung?

Offenbar ist das nicht der Fall. DekaBank-Expertin Widmann warnt dennoch: „Diese schnelle Aufwärtsbewegung schreit nach einer Korrektur.“ Commerzbank-Experte Weinberg sagt: „Der Preis ist etwas überhöht, ich würde aber nicht von einer Blase sprechen.“ Weinberg rät dennoch zur Vorsicht: „Die Gefahr einer Blasenbildung hat eindeutig zugenommen.“ Einige Anleger, die noch an der Seitenlinie stünden, könnten jetzt noch versuchen, einzusteigen. Langfristig gesehen gebe es aber weiter Potenzial nach oben. Da die Notenbanken an ihrer Politik des billigen Geldes voraussichtlich noch lange festhalten, rechnet Weinberg damit, dass der Goldpreis langfristig einem Aufwärtstrend folgen wird.

Was bedeutet das alles für Kleinanleger?

Grundsätzlich kann Gold durchaus Teil der Anlagestrategie sein, sagt Widmann. Der Goldanteil am Finanzvermögen solle etwa fünf bis zehn Prozent betragen. Rohstoffexperte Weinberg sagt: „Mit Gold im Portfolio kann man in schwierigen Zeiten besser schlafen.“

In welcher Form sollten Anleger Gold kaufen?

Das hängt vom eigenen Anlageverhalten ab: „Wer langfristig investieren möchte und Gold sicher verwahren kann, für den sind Münzen oder Barren eine gute Möglichkeit“, sagt Widmann. Wer immer wieder kurzfristig Gold kaufen und verkaufen wolle, für den seien eher spezielle Gold-ETFs geeignet.

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