Es war meine letzte Idee im Jahr 2020. Sie kam mir am Silvestermorgen unter der Dusche. Da erfand ich nämlich ein Spiel, also eine „Challenge“ – wie König Ludwig II. immer so schön sagte. Dass ich im Moment des Einfalls nackt war, sagt gar nichts über den Kini oder mich aus. Dass die Idee von einem Trinkspiel inspiriert ist, lässt dagegen eher auf mein Leben im Lockdown schließen.
Jedenfalls war meine Überlegung unter der Dusche, dass man doch auch am Jahr 2020 etwas Gutes finden muss, das Positive im Negativen, so wie zum Beispiel manche Menschen sagen, Donald Trump wäre ein Idiot, aber seine Frisur sei top. Nein, das ist jetzt ein schlechtes Beispiel. Denn eine dieser beiden Behauptungen ist falsch. Ein besseres Beispiel: Schlecht war, dass Deutschlands Fußballnationalmannschaft gegen Spanien 6:0 verlor. Aber gut ist, dass es nicht 7:0 ausging.
Mein Spiel heißt jedenfalls „Espresso-Challenge“ und geht so: Jeder macht sich noch vor dem Dreikönigstag einen Espresso, setzt sich vor eine laufende Handy-Kamera und erzählt von einem Glücksmoment aus dem Jahr 2020. Die gab es. Man muss nur lange genug nachdenken! Und dann schickt er oder sie das kleine Filmchen an die Menschen, mit denen er oder sie im neuen Jahr unbedingt einen Espresso trinken will. Die müssen dann auch so ein Filmchen drehen und zurückschicken, als Neujahrsgruß und vage Verabredung. Und natürlich dürfen auch sie weitere Menschen auffordern, ihren Glücksmoment aus dem Jahr 2020 zu teilen. Und eh klar: Es darf auch Tee sein, von mir aus auch Schnaps, wenn man das Leben im Lockdown wahrheitsgetreu abbilden will. Wichtig ist eigentlich nur der Glücksmoment. Denn geteiltes Glück ist doppeltes Glück.
Glauben Sie mir: Das wirkt. Ach was: „Das flasht wie Bolle“, wie König Ludwig II. auch immer so schön sagte. Am frühen Nachmittag des Silvestertages schickte ich meinen Espresso-Film an 25 Freunde und Kollegen. Vor Mitternacht hatte ich bereits zwanzig Antworten, jede davon mit einer schönen Geschichte aus dem scheinbar doch nicht so schrecklichen Jahr 2020 – und mit einer Verabredung auf einen Kaffee für die Zeit nach dem Lockdown. Meine Sorge ist jetzt, dass so viel Kaffee vielleicht ungesund ist. Aber wie gesagt: Es kann ja auch Schnaps sein.
Die Espresso-Challenge läuft noch vier Tage. Wer nicht mitmacht, versäumt was.
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