Unbedarfte Beobachter mögen sich die Augen reiben. Der wichtige Geschäftsklima-Index des Münchner Ifo-Instituts zu den Erwartungen deutscher Manager stürzt ab. Es ist der stärkste Einbruch seit Beginn der Corona-Pandemie, in der Industrie ist er massiv wie noch nie. „Die Unternehmen rechnen mit harten Zeiten“, sagt Ifo-Chef Clemens Fuest. Das Demoskopie Institut Allensbach berichtet, dass die Zuversicht in Deutschland auf ein Niveau gesunken ist, niedriger als zu Zeiten des Koreakrieges vor mehr als 70 Jahren. Drei von vier Deutschen sehen sich durch Russland bedroht, mehr als 60 Prozent rechnen in den nächsten Monaten mit einem wirtschaftlichen Abschwung.
Und was macht die Börse? Sie hält sich und legt sogar leicht zu. Zum Wochenschluss steht der Deutsche Aktienindex Dax mit einem kleinen Plus bei knapp 14 300 Punkten. Im Wochenvergleich ging es um rund 100 Zähler nach unten. Diese verhaltene Entwicklung lässt sich freilich zumindest zum Teil erklären. Die dramatischen Ereignisse haben Händler und Anleger „eingepreist“, wie es an der Börse heißt. Die schlechten Nachrichten stecken bereits in den Kursen. Zudem legen etliche Unternehmen gute Zahlen für das vergangene Jahr vor. Sie werden in den nächsten Wochen Dividenden in Rekordhöhe ausschütten.
Robert Halver von der Baader Bank sieht die Börse derzeit im „Niemandsland“. Aber will auch nicht schwarzmalen. „Es ist unsinnig, von Endzeitstimmung zu sprechen. Selbst diese schwere Krise wird ein Ende finden.“ Und dann seien vor allem deutsche Aktien gefragt. Zum Jahresende erwartet er im Dax 15 500 Punkte. Die gleichwohl weiter schwierige Lage an der Börse hat auch mit der immer noch nicht überwundenen Corona-Pandemie zu tun. China nähert sich einem weiteren massiven Lockdown, Das dürfte die Lieferkettenprobleme weiter vergrößern dürfte. Und die Inflation belastet. In der Eurozone werden für März mehr als sieben Prozent erwartet. Das wiederum setzt die Europäische Zentralbank (EZB) unter Druck, endlich den Dreh an der Zinsschraube ins Auge zu fassen. Faktisch ist die Zinswende schon da. Die zehnjährigen Bundesanleihen bringen wieder eine Rendite von 0,5 Prozent. Ende 2021 waren es noch minus 0,2 Prozent. Auch das werde zu anhaltenden Schwankungen bei den Aktienkursen sorgen, glaubt Ulrich Kater, Chef-Ökonom der DekaBank. Markus Wallner von der Commerzbank rät zur Vorsicht. „Wegen anhaltender Materialengpässe und deutlich gestiegener Energiekosten dürfte sich das Gewinnmomentum bei einigen Unternehmen spürbar abflachen.“ Die Probleme würden sich in den nächsten Monaten eher verschärfen. Andere Beobachter sehen aber weiter Vorteile für die Börse. „Neben Rohstoffen gelten auch Aktien als Profiteure steigender Inflation, da Unternehmen steigende Kosten meist durch eine Erhöhung ihrer Verkaufspreise kompensieren können“, sagt Bastian Ernst von der Weberbank. Andererseits könnten der Konsum wegen der hohen Preise sinken und damit die Einnahmen der Unternehmen. Diese Kakophonie der Einschätzungen zeigt: Die Unsicherheit bleibt hoch. ROLF OBERTREIS