Es bleibt in diesen Tagen für Börsianer schwierig, Rosinen aus der sehr schwierigen Gemengelage von Nachrichten aus Politik, von Zentralbanken und von Unternehmen herauszupicken. Ein Ende des menschenverachtenden Vorgehens der russischen Armee in der Ukraine ist nicht abzusehen, ein Energieembargo mit deutlichen Folgen für die Energiepreise rückt näher.
Die Bundesbank erwartet einen Wirtschaftseinbruch und eine Rezession, in diesem und möglicherweise auch im kommenden Jahr. Angesichts der hohen Inflation dürfte die US-Notenbank Fed die Zinsen schneller und deutlicher anheben als erwartet. Und mehr und mehr deutet sich an, dass sich auch die Europäische Notenbank (EZB) schon im Juli zu einem ersten Zinsschritt entschließt, weil die Inflation auch in der Eurozone galoppiert und im April möglicherweise die Schwelle von acht Prozent knacken könnte. Steigende Zinsen aber sind tendenziell schlecht für Aktienkurse. „Zur Bekämpfung der Inflation ist dieser Schritt zwar dringend geboten, er macht aber eben auch die Aktienmärkte Stück für Stück unattraktiver“, sagt Jürgen Molnar, Kapitalmarktstratege beim Broker RoboMarkets. Die Rendite der wichtigen zehnjährigen Bundesanleihe zeigt, dass die Zinswende schon Realität ist. Sie nähert sich der Marke von einem Prozent. Angesichts dieser Umstände hält sich der Deutsche Aktienindex Dax erstaunlich wacker, auch wenn es zum Wochenschluss mit rund zwei Prozent nach unten ging. Der Index schwankt zwar deutlich, zwischen knapp 14 000 und 14 600 Zählern in der Nach-Oster-Woche. Aber ein Absturz ist nicht zu sehen. Er steht sogar fast 2000 Zähler höher als zu Beginn des Putin-Krieges. „Aktien halten sich vergleichsweise gut“, sagt Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der DekaBank. Das liege auch daran, dass die Unternehmen in diesen Tagen und Wochen hohe Dividenden ausschütten. Wieland Staud, der als technischer Markt-Analyst seine Schlüsse aus den historischen Entwicklungen der Kurse zieht, erkennt im Dax sogar eine ermutigende Entwicklung. Der Index bastele nach einem überschaubaren Einbruch vielleicht bereits wieder an einem Neubeginn, mutmaßt Staub. Mit Tendenz nach oben. Dass Geld vorhanden ist und Anleger weiter auf der Suche nach interessanten Anlagemöglichkeiten sind, zeigt ein kleines Beispiel. Das seit einigen Jahren erfolgreiche Start-up Ecoligo, das im Kampf gegen den Klimawandel Geld für Solaranlagen für Mittelständler in Entwicklungs- und Schwellenländern sammelt und sie auf deren Gebäuden installiert, präsentierte am Freitagmorgen ein neues Projekt für eine Rosenfarm in Kenia. 80 000 Euro sind dafür nötig. Sechs Prozent Zinsen werden geboten, bei einem allerdings nicht kleinen Risiko, auf das Ecoligo deutlich hinweist. Innerhalb weniger Stunden hatte das Start-up gleichwohl das Geld eingeworben. ROLF OBERTREIS