Das Umfeld für Aktien bleibt mehr als angespannt, obwohl die Auftragsbücher vieler Unternehmen voll sind und fast überall händeringend Arbeitskräfte gesucht werden. Doch egal ob Gaskrise, Konjunkturdaten, Ukraine-Krieg, Zinserhöhungen, Corona, Inflation oder Lieferketten: Die schlechten Nachrichten reißen einfach nicht ab und belasten die Börsen. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass der deutsche Aktienindex Dax zum Wochenschluss noch etwas zulegte. Denn er schwankt immer noch um die Marke von 13 000 Punkten. Seit Jahresbeginn hat das Börsenbarometer damit rund 18 Prozent verloren.
Besserung ist kaum in Sicht. Die Zeiten für Aktiensparer bleiben schwierig wie schon seit Jahren nicht mehr. Allerdings steht der Dax bei Weitem nicht wieder so tief wie zu Beginn der Corona-Pandemie. „Die Talsohle am Aktienmarkt ist noch nicht erreicht“, stellt Sven Streibel von der DZ Bank fest. Die Risiken seien aktuell eindeutig größer als die Chancen. Das liege auch daran, dass Aktien noch nicht wirklich günstig bewertet seien. Dazu erwartet Streibel, dass die Unternehmen ihre Gewinnerwartungen nach unten schrauben werden. Die ab Juli einlaufenden Berichte für das zweite Quartal werden darüber Aufschluss geben. Negativ vermutlich. „Der Dax könnte bis auf 12 500 Punkte fallen.“ Allerdings sieht Streibel auch Licht am Ende des Tunnels. Bis Jahresende erwartet er eine Erholung auf 14 500 Zähler.
Auch in der zweiten Jahreshälfte sei keine Trendwende zu erwarten, glaubt dagegen Andreas Hürkamp von der Commerzbank. Bei den Dax-Firmen befürchtet er in diesem Jahr einen Gewinnrückgang um fünf Prozent, für 2023 sei sogar ein zweistelliges Minus wahrscheinlich. „Wir erwarten ein enttäuschendes zweites Halbjahr 2022 mit hartnäckig hoher Inflation, spürbar steigenden Leitzinsen und zunehmenden Gewinnsorgen“, sagt er. Die Folge: Der Dax werde sich bei großen Schwankungen zwischen 11 500 und 13 500 Punkten bewegen.
Etwas Hoffnung lässt immerhin Robert Halver von der Baader Bank erkennen. Der Pessimismus habe erneut ein Allzeithoch erreicht, weshalb viele Anleger Kapital aus Aktien abgezogen hätten. „Damit wartet viel Geld an der Seitenlinie, das sich bei Perspektivenaufhellung sofort zurück an die Aktienmärkte traut und für eine Kursbefestigung sorgt.“ Immerhin erwartet Halver den Dax zum Jahresende wieder bei 14 000 Zählern. Mal schauen, ob es so kommt.
Rolf Obertreis