Endlich ein kurzes Aufatmen

von Redaktion

Am Dienstag noch mit 12 390 Punkten auf dem tiefsten Stand seit eineinhalb Jahren, am Freitag seit Ende Juni wieder einmal über der Schwelle von 13 000 Zählern: Der Deutsche Aktienindex Dax hat Börsianer in der ersten Juli-Woche nach einem bitteren Tief wieder etwas Hoffnung schöpfen lassen. Zum ersten Mal seit vielen Wochen schließt das Börsenbarometer mit einem leichten Plus ab. Eine Trendwende dürfte das aber kaum sein: Schließlich bleiben die Nachrichten schlecht. Am Freitag beantragte der Energie-Konzern Uniper Staatshilfe, im Kreml tönt Wladimir Putin, in der Ukraine sei man noch lange nicht fertig. Ein Ende des Krieges ist nicht in Ansätzen absehbar. Hierzulande wachsen die Sorgen vor einer bevorstehenden Rezession nicht nur in Euroland, sondern auch jenseits des Atlantiks. Die Energiepreise und die Inflation bleiben vorerst hoch, möglicherweise steigen sie sogar weiter.

Mittlerweile spekulieren Ökonomen, ob die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen auf der Sitzung am 21. Juli nicht nur um 0,25, sondern gleich um 0,5 Prozentpunkte anhebt. An diesem Tag droht auch der Stopp russischer Gas-Lieferungen. Auch die US-Notenbank dürfte die Zinsschraube im Kampf gegen die Inflation weiter deutlich anziehen. Mit Spannung warten Börsianer und Anleger auf die Halbjahres- und Quartalsberichte, die in den nächsten Wochen veröffentlicht werden. Sie zeigen zum ersten Mal die Auswirkungen des russischen Überfalls auf die Ukraine auf die Unternehmen in ganzem Ausmaß.

„An den Finanzmärkten steht vor allem die Unsicherheit im Vordergrund“, sagt DekaBank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Das werde sich wohl bis Jahresende nicht ändern, vor allem weil es Klarheit für die künftige Energieversorgung von Unternehmen und Haushalten wohl erst im ersten Quartal 2023 geben werde. Robert Halver von der Baader Bank sieht auch in der hohen Abhängigkeit von Vorprodukten aus China für die deutschen Unternehmen ein beträchtliches Risiko. Auch aus dieser Richtung bestehe abgesehen von den ohnehin vorhandenen Problemen in den Lieferketten ein „erhebliches Erpressungspotenzial“. Auch die erstmals seit 1991 negative Handelsbilanz im Mai sei ein Weckruf, auch wenn dies vor allem auf die stark gestiegenen Preise für Energieimporte zurückzuführen ist. Allerdings sieht Halver allmählich eine Bodenbildung im Dax – bei weiter deutlichen Schwankungen. Dass Banken allmählich wieder Zinsen auf Tagesgeldkonten zahlen, trifft den Aktienmarkt kaum, auch wenn steigende Zinsen für das Aktiengeschehen eigentlich Gift sind. Zwar haben sich die Zinsen für Tagesgeld in den letzten Tagen nach Angaben des Verbraucherportals Biallo verdoppelt – allerdings von im Schnitt extrem niedrigen 0,05 auf weiter extrem niedrige 0,09 Prozent. Für 1000 Euro gibt so pro Jahr statt 50 Cent dann satte 90 Cent. ROLF OBERTREIS

Artikel 6 von 6