Börsianer mögen vor allem eines überhaupt nicht: Unsicherheit. Ein Stück davon hat ihnen Präsidentin Christine Lagarde und der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag genommen. Zwar hat die Notenbank die Leitzinsen um 0,75 Punkte so stark erhöht wie nie zuvor in der Geschichte der Europäischen Währungsunion. Sie hat aber zugleich klargestellt, dass es noch etliche weitere Erhöhungen im Kampf gegen die Inflation geben wird. Zwar sind höhere und steigende Zinsen nicht nach dem Geschmack von Börsianern und Aktiensparern, weil sie klassisches Sparen und Anleihen wieder attraktiver machen.
Aber gleichzeitig wissen sie jetzt, wohin die Reise geht. Diese gewonnene Sicherheit ist der Hauptgrund dafür, dass der Deutsche Aktienindex Dax am Freitag nicht auf Talfahrt gegangen ist, sondern zugelegt hat. Und das sogar deutlich mit dem Sprung hoch auf mehr als 13 100 Punkte. Auf Wochensicht hat er im tendenziell angeblich schwierigsten Börsenmonat des Jahres sogar zugelegt.
Gleichwohl bleibt das Umfeld auch für den Aktienmarkt schwierig: Der anhaltende, von Putin ausgelöste Krieg in der Ukraine, die weiter steigenden Preise, nicht nur bei Energie, die drohende Rezession, ein Gaslieferstopp durch Russland bleiben die drängendsten Probleme. Das wird dann auch auf die Gewinne der Unternehmen durchschlagen. Dem Dax sei eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau gelungen, sagt Sören Hettler von der DZ Bank. Das sei eine erfreuliche Nachricht. „Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rahmenbedingungen für die europäischen Aktienmärkte schwierig bleiben.“ Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der DekaBank, rechnet in den nächsten Monaten mit einer abwartenden Haltung an der Börse und damit mit einem Seitwärtstrend im Dax. ROLF OBERTREIS