Rezession schreckt die Anleger nicht

von Redaktion

VON CARSTEN MUMM

Die Rezession im Winterhalbjahr 22/23 in Deutschland ist amtlich. Das Statistische Bundesamt hat nach dem vierten Quartal 2022 auch für die ersten drei Monate des laufenden Jahres eine gesunkene gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung verkündet.

Die weiteren Aussichten gemessen an den Erwartungen von Analysten und Umfragen unter Unternehmen lassen bisher nur eine schwache Erholung im weiteren Jahresverlauf erwarten. Für die Eurozone und die USA sind die Perspektiven kaum besser, während die Wirtschaftsdaten aus China zuletzt enttäuschten. So gaben im Mai die Wachstumsraten für die chinesische Industrieproduktion, die Anlageinvestitionen und die Einzelhandelsumsätze teils deutlich nach. Damit befindet sich die Industrie global in einem Abschwung, während das Wachstum vor allem vom Dienstleistungssektor aufrechterhalten wird.

Die wirtschaftliche Nachfrageflaute bewirkt aber auch, dass die jahrelangen Lieferkettenprobleme mittlerweile auf Normalniveau geschrumpft sind. Zudem sinken viele Rohstoff- und Energiepreise weiter. Folglich fiel die Inflation im Mai deutlich auf 4,0 Prozent in den USA und 6,1 Prozent in der Eurozone.

Trotzdem unterstrichen im Laufe der Woche sowohl die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) als auch die Europäische Zentralbank (EZB), dass sie weiterhin mit Sorgen auf die Teuerungsraten blicken. Denn die Notenbanken haben vor allem die sogenannten Kernraten der Inflation ohne die Komponenten Energie und Nahrungsmittel im Blick. Diese liegen in den USA und in der Eurozone derzeit bei 5,3 Prozent, fallen nur langsam und signalisieren ausgeprägte Preissteigerungen in nahezu allen Waren- und Dienstleistungskomponenten. Entsprechend hob die EZB ihre Leitzinsen erneut um 0,25 Prozentpunkte an. Die Fed verzichtete zwar im Juni auf eine weitere Leitzinsanhebung, hat diese aber genau wie auch die EZB für den Juli in Aussicht gestellt. Trotzdem notieren europäische Aktienindizes nahe ihren Allzeithöchstständen, und auch US-Aktien konnten zuletzt wieder deutlich zulegen.

Warum? An den Börsen bestimmt nicht die aktuelle Datenlage, sondern die Erwartung an die künftigen Perspektiven von Unternehmen die Kurse. Offensichtlich werden diese nach einer überwiegend positiv verlaufenen Berichtssaison für die Unternehmensgewinne im ersten Quartal weiterhin konstruktiv eingeschätzt.

Leitzinserhöhungspausen wurden zwar vorerst verschoben, sind aber dennoch im Laufe des zweiten Halbjahres wahrscheinlich. Zudem wurde gerade der US-Aktienmarkt von einer steigenden Euphorie rund um die Zukunftsaussichten der Künstlichen Intelligenz und deren Anbieter getrieben.

Wie berechtigt die Hoffnungen auf eine künftige wirtschaftliche Stabilisierung der Industrie sind, werden in der kommenden Woche die Ergebnisse der von S&P Global erhobenen Einkaufsmanagerindizes zeigen. Unternehmen werden unter anderem nach ihren Geschäftserwartungen für die kommenden Monate befragt. Positive Überraschungen könnten die aktuelle Aktienhausse noch etwas antreiben.

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