DIE BÖRSENWOCHE

Europas Unternehmen brauchen Entscheidungen

von Redaktion

Seit dem Ende von Null- und Negativzinsen im Jahr 2022 hat sich der Einfluss der Zinsen an den Kapitalmärkten fundamental verändert. Während es vorher um die Vermeidung von laufenden Verlusten im Rahmen der verzinslichen Kapitalanlage ging und Finanzierungskonditionen angesichts historisch niedriger Niveaus kaum eine Rolle spielten, reagieren sowohl Anleger als auch Kreditnehmer mittlerweile wieder sensibel auf Zinsveränderungen.

Entsprechend viel Beachtung fand die erste Leitzinssenkung durch die Europäische Zentralbank (EZB) nach dem Erreichen des Zinsgipfels im September 2023. Die Reaktion an den Börsen fiel jedoch verhalten aus, denn der Beschluss des EZB-Rats entsprach den Erwartungen. Zudem verwies EZB-Präsidentin Christine Lagarde erneut auf fortbestehende Inflationsgefahren, vor allem aufgrund zuletzt deutlich steigender Löhne und daraus resultierend stark steigender Preise für viele Dienstleistungen. Die Notenbank wird daher den weiteren geldpolitischen Kurs auch künftig datenabhängig festlegen – also von Sitzung zu Sitzung auf Basis der dann jeweils aktuellen Inflationsentwicklungen. Sollte die Teuerung nur sehr langsam sinken oder wieder steigen, wird man sich mit weiteren Zinsanpassungen Zeit lassen.

In diesem Kontext spielt auch der kommende Woche anstehende Zinsentscheid der US-Notenbank Fed eine Rolle. In den USA werden erst kurz vor der Sitzung des entscheidenden Gremiums die Mai-Inflationsdaten veröffentlicht. Da die Preisniveausteigerung mit zuletzt über 3,4 Prozent noch sehr weit vom Zielwert von zwei Prozent entfernt lag, ist fraglich, wann die Fed eine erste geldpolitische Lockerung beschließen wird. Sollte dieser Schritt erst gegen Jahresende erfolgen, könnten auch in der Eurozone nur ein oder maximal zwei weitere Zinssenkungen erfolgen. Denn eine stark sinkende Zinsdifferenz im Vergleich mit den USA würde über eine Abwertung des Euro und damit steigende Preise für Importe die hiesige Inflation antreiben. Bis sich weitere Entlastungen auf der Zinsseite konkretisieren, dürften vielen Aktien daher vorerst deutliche Aufwärtsimpulse fehlen.

Noch vor dem Börsenstart in der neuen Woche rückt die Europawahl in den Fokus. Zwar dürften die Ergebnisse kurzfristig kaum für Kursbewegungen sorgen. Allerdings sollten auch Anleger die europapolitischen Entwicklungen genau beobachten. Denn in der anstehenden Legislatur stehen entscheidende Weichenstellungen für den Standort Europa an, die sich mittel- bis langfristig auf hiesige Unternehmen auswirken. Die Liste der relevanten Themen ist hinlänglich bekannt: Sicherheit, Klimawandel und Energieversorgung, Demografie und Einwanderung, veränderte Globalisierung und Digitalisierung sowie neue Technologien erfordern zukunftsgerichtetes, gemeinsames Handeln. Nur wenn das geschieht, kann Europa im Konzert der großen Volkswirtschaften – vor allem der USA und China – eine entscheidende Rolle spielen.

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