Der Ausverkauf an der Wall Street schlägt sich bis in die Depots deutscher Kleinsparer durch. Doch Panik ist ein schlechter Ratgebern. © JUSTIN LANE, epa
Die Sorge um den Welthandel treibt nicht nur die Profi-Börsianer in Frankfurt und an der Wall Street um, auch Aktiensparer bekommen die Turbulenzen zu spüren: Ihr Depotwert schmilzt dahin, nachdem große Indizes wie der MSCI World zuvor nur den Weg nach oben zu kennen schienen. Wie geht es weiter? Was sollen Kleinanleger tun?
Raus, rein oder drinnen bleiben?
Darauf lässt sich keine verlässliche Antwort für jeden finden. Der Kölner Vermögensverwalter David Bienbeck rät zu Gelassenheit. „Alle Korrekturen sind irgendwann vorbei“, meint er. Danach würden die Höchststände meist in wenigen Monaten wieder erreicht. Ob dieser Optimismus gerechtfertigt ist, wird freilich von vielen Faktoren abhängen, etwa davon, ob der Handelskrieg anhält und die Wirtschaft in eine Rezession treibt. Die Stiftung Warentest bleibt hinsichtlich von Indexfonds (ETF) zuversichtlich. „Es ist klar, dass es nach Superjahren mal nicht so gut läuft“, beruhigt die Aktienexpertin der Stiftung, Karin Baur, „wir empfehlen weltweite Aktienanlagen nach wie vor.“
Wie kann man sein Depot stabiler machen?
Für Anleger, die unsicher sind oder gar von großen Verlustängsten geplagt werden, hat Baur einen Rat: „Sie sollten ihr Depot so mischen, dass sie ruhig schlafen können.“ Eine Strategie kann ein geringer Anteil an Aktien im Portfolio sein. Statt wie oft üblich, die Hälfte des Geldes in Aktien und die andere in sicheren Zinsanlagen unterzubringen, kann der Zinsanteil erhöht werden. Infrage kommen Tages- oder Festgeldanlagen, die aber nur geringe Zinserträge abwerfen. Das ist der Preis der Sicherheit. Alternativ kommen Geldmarktfonds infrage. Diese investieren in Staatsanleihen.
Was sagt die Charttechnik?
Besonders in volatilen Börsenzeiten blicken viele Profis auf die Kursverläufe, die sogenannten Charts, aus denen sie Rückschlüsse für die weitere Kursentwicklung ziehen. Typischerweise kehren stark schwankende Aktienkurse, aber auch Indizes, in Korrekturzeiten zu ihren gleitenden 50-Monats-Durchschnittslinien zurück. Dort kommt es dann sehr oft zu verstärktem Kaufinteresse und einem Kursumschwung.
Zum Beispiel verlor der US-Technologieindex Nasdaq 100 durch den Ausbruch des Ukrainekriegs 2022 in der Spitze 38 Prozent, eher er sich nach einem Jahr an der 50-Monats-Linie stabilisierte und eine neue mächtige Rally startete (siehe Grafik unten). In der aktuellen Korrektur verlor der Nasdaq bisher 21 Prozent. Liefe der Nasdaq erneut die 50-Monats-Linie bei aktuell 16 000 Punkten an, bestünde von jetzt ab weiteres Abwärtspotenzial von 10 Prozent. So schlimm kann, muss es aber nicht kommen, vor allem dann nicht, wenn Trump im Zollstreit einlenkt. Einige Charttechniker nennen derzeit den Bereich zwischen 17 000 und 17 400 Punkten als mögliche Endpunkte des Einbruchs. Der Nasdaq 100 ist besonders wichtig, weil in ihm das Who is Who der Techbranche versammelt ist, wie Apple, Microsoft, Alphabet, Meta, Amazon, Tesla und Nvidia. Die gute Nachricht: Zwei Drittel der Korrektur lägen bereits hinter uns.
Ebenfalls großes Interesse zieht der Philadelphia Semiconductor Index, kurz Sox, auf sich, der die Wertentwicklung der wichtigen, aber auch zyklischen und schwankungsfreudigen US-Halbleiterbranche abbildet. Hier wurden die Bewertungen, angeführt durch KI-Profiteure wie Nvidia und Broadcom, besonders weit nach oben getrieben, ehe die KI-Blase zu platzen begann. Die Kurse befinden sich bereits seit Juli auf dem Rückzug, entsprechend fortgeschritten ist die Korrektur nach Wertverlusten von durchschnittlich 40 Prozent bereits. Die 50-Monats-Linie wurde im Freitagshandel bereits erreicht. Die Hoffnung ist, dass sich dieser Index als erster der großen Technologie-Indizes wieder fängt. Ein Unterschreiten der Auffanglinie wie 2023 ist aber möglich, wenn die politischen Belastungsfaktoren nicht schnell beseitigt werden. Im schlimmsten Fall könnte es zurück auf den langjährigen Aufwärtstrend gehen – der verläuft weitere 18 Prozent tiefer.
Und was wird mit dem Dax?
Kritisch ist die Lage beim deutschen Aktienindex Dax. Hier haben sich die Kurse durch die Rally der letzten Monate weit von ihrem 50-Monats-Durchschnitt entfernt. Dieser liegt aktuell bei rund 17 000 Punkten. Charttechniker sehen weitere 15 Prozent Luft nach unten, wenn sich der Zollkrieg zuspitzt. Deutsche Unternehmen sind besonders stark exportorientiert.
G. ANASTASIADIS, W. MULKE