Seit 2021 erhielten 107 Personen drei Jahre lang monatlich 1200 Euro zusätzlich zu ihren normalen Einkommen geschenkt, im Prinzip ohne Gegenleistung, finanziert aus Spenden. Die Organisatoren wollten herausfinden, was die Glückspilze mit dem Geld anstellen: Werden sie faul, investieren sie es in Drogen oder nutzen sie es sinnvoll? Wir sprachen mit der Teilnehmerin Elisabeth Ragusa.
Was hat Ihnen die Teilnahme am Pilotprojekt Grundeinkommen gebracht?
Möglichkeiten und Gedankengänge, die ich sonst nicht gehabt hätte. Ich konnte aus dem Hamsterrad aussteigen.
Sie nahmen während des Projektes ein Studium für das Lehramt an Grundschulen auf. Ohne die zusätzlichen Mittel des Grundeinkommens hätten Sie das nicht getan?
Garantiert nicht. Mit fast 30 Jahren den Job kündigen, studieren und einige Jahre nur knapp über die Runden kommen, das muss man erst mal wollen. Studieren ist teuer, selbst mit elternunabhängigem Bafög. Außerdem hat man dann Schulden, diesen Gedanken mochte ich nie. Deshalb habe ich früher versucht, mich mit meiner ersten Ausbildung zufriedenzugegeben, und mir nicht erlaubt, über einen anderen Beruf nachzudenken. Erst durch das Grundeinkommen konnte ich im Kopf ausreichend Geld freimachen, um in meinen zweiten Bildungsweg zu investieren.
Sie haben vorher als Industriekauffrau beispielsweise in einer Druckerei gearbeitet. Da war es nicht möglich, genug zurückzulegen, um sich Ihren Traum zu erfüllen?
Ich lebte alleine, das ist wahnsinnig teuer, selbst wenn man 3000 Euro brutto verdient. Die Miete, das Auto, um zur Arbeit zu kommen, und die anderen Fixkosten fraßen den größeren Teil meines Verdienstes auf. Was übrig blieb, war zu knapp, um Geld für ein Studium anzusparen.
Sind Sie jetzt zufriedener als früher?
Mein früherer Bürojob war einfach die falsche Berufswahl – jeden Tag die gleichen Abläufe. Das ist in der Schule anders, dort fühle ich mich am richtigen Platz. Die Charaktere der Kinder sind so unterschiedlich, ihre Antworten überraschend. Und zu lernen macht mir Spaß, mit den Kindern lerne ich immer weiter. Das hält den Kopf jung.
Was halten Sie vom Grundeinkommen als gesellschaftlichem Entwurf für viele – oder alle?
Ich finde, es ist eine gute Idee. Als ich jung war, hatte meine Familie wenig Geld. Wir mussten immer sparen. Das bleibt im Kopf, da kommt man nicht raus. Das Grundeinkommen gibt aber Sicherheit und Ruhe. Dann verhalten sich die Menschen anders, sie haben die Möglichkeit, sich selbst zu entscheiden. Besonders die Bedingungslosigkeit gefällt mir – im Gegensatz zum Bürgergeld, wo viele Einschränkungen existieren. Das Grundeinkommen würde die Freiheit verleihen, das zu tun, was man möchte und gut kann – in Berufen, die normalerweise zu wenig Geld bringen.
INTERVIEW: HANNES KOCH