Die Liste mit Zöllen, die US-Präsident Trump Anfang April präsentierte, stimmt schon nicht mehr. Doch die Hoffnung, dass sich alles in Deals auflöst, könnte trügen. © Mark Schiefelbein
Hoffnungen auf einen Handelsdeal zwischen den USA und China haben zum Wochenschluss zu einem „Risk-on“ an den Finanzmärkten geführt. Auslöser waren Aussagen der chinesischen Seite, dass man zu Gesprächen bereit sei, nachdem vorher die US-Seite Verhandlungsbereitschaft signalisiert hatte. Blickt man auf die Entwicklung der Aktienkurse scheint damit der „Liberation Day“-Schock Schnee von gestern zu sein. Nachdem die Trump-Administration in Reaktion auf den massiven Markteinbruch bereits eingeknickt war und einen Teil der „reziproken“ Zölle für 90 Tage ausgesetzt hat, geht man nun davon aus, dass die Zölle nur eine Drohgebärde waren und am Ende sich alles in „Deals“ auflöst.
Am Beispiel der diese Woche wieder angefachten Attacken Präsident Trumps in Richtung US-Notenbank Fed, wo es ja ebenfalls Mitte April einen Rückzieher gegeben hatte, lässt sich erahnen, dass das Thema Zölle nicht vom Tisch ist. Zwar dürfte die Trump-Administration dauerhafte Zugeständnisse bei den Zöllen machen und einige Abkommen abschließen. Wir erwarten aber nicht, dass es bei Trump eine Abkehr vom (Irr)glauben gibt, dass Zölle die Defizite in der US-Leistungsbilanz und im Staatshaushalt lösen können. Zudem rechnen wir nicht damit, dass nach den ersten 100 Tagen der zweiten Trump-Präsidentschaft, in der die Politik noch radikaler und erratischer ist als befürchtet, eine lange Phase der Ruhe einkehrt. Dies Zweifel an der Rechtssicherheit in den USA dürften bestehen bleiben, und das Vertrauen internationaler Investoren in die USA angekratzt.
Wie die BIP-Zahlen für das erste Quartal bereits gezeigt haben, schadet diese Politik der US-Wirtschaft und der eigentliche Zoll-Schock wird erst im zweiten Quartal stattfinden. Folglich haben wir unsere US-Prognosen für 2025 deutlich revidiert und erwarten nun einen Sprung der Inflation auf 3,7 Prozent (von 2,9 Prozent) und einen Einbruch des BIP-Wachstums auf 0,4 Prozent (von 1,9 Prozent). In diesem Umfeld dürfte die Fed die Zinsen in diesem Jahr unverändert belassen. All dies scheint in den Unternehmensgewinnschätzungen noch nicht enthalten zu sein. Eine erneute Korrektur an den Märkten ist daher wahrscheinlich.
Auch die europäische Wirtschaft leidet unter den US-Zöllen und der nachlassenden globalen Nachfrage. Entgegen unserer bisherigen Annahme scheint die EU die Flut von umgeleiteten chinesischen Waren nicht mit Zollbeschränkungen einzudämmen. Daher haben wir unsere BIP- und Inflationsprognosen für den Euro-Raum etwas nach unten revidiert und erwarten eine zusätzliche Senkung des EZB-Einlagesatzes auf 2,0 Prozent im Juni. Wegen des steigenden mittelfristigen Inflationsdrucks durch die gelockerte Fiskalpolitik dürfte damit der Zinssenkungsspielraum ausgereizt sein.