Bei der Kartenzahlung inzwischen gängig: verschiedene Angebote, Trinkgeld zu geben. Davon sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen. © Gregor Tholl/dpa
Ob beim Bäcker, Friseur oder Kiosk: Wer mit Karte zahlt, bekommt auf dem Display des Kartenterminals inzwischen immer häufiger ein Auswahlmenü mit verschiedenen Trinkgeldoptionen angezeigt. Wählen lässt sich oft aus vier Möglichkeiten – etwa 10, 15 und 20 Prozent und die Option, kein Trinkgeld zu geben.
Wer das zum ersten Mal erlebt, ist womöglich etwas überrumpelt. Erstens, weil das Trinkgeld so regelrecht eingefordert wird. Und zweitens, weil es oft an Orten verlangt wird, wo man sonst kein Trinkgeld gibt – etwa bei der Abholung von Bestellungen. Fachleute nennen das Nudging, wenn Menschen im Alltag kleine Schubser bekommen, die sie dazu bringen sollen, etwas Bestimmtes zu tun oder zu lassen, ohne es zu bestimmen, sagt Wirtschaftspsychologin Prof. Julia Pitters von der IU Internationale Hochschule. „Man organisiert lieber das Umfeld der Menschen so, dass es einfacher für sie ist, sich zu entscheiden.“ Aber wer profitiert davon am Ende?
Kleiner Schubs für Trinkgeldzahlung
„Die Reaktion hängt stark von der Persönlichkeit ab“, sagt Verhaltensökonom Prof. Dominik Enste vom Institut der deutschen Wirtschaft. Während einige das Angebot als Erleichterung wahrnähmen, weil sie bequem und ohne Rechnen Trinkgeld geben könnten, fühlten sich andere womöglich genötigt, geben erst recht kein Trinkgeld und meiden die Örtlichkeit künftig.
Aus Anbietersicht ist es Julia Pitters zufolge aber ein cleverer Schachzug, die Trinkgeld-Optionen auf dem Kartenterminal anzubieten. Weil die Trinkgeldgabe bei der Kartenzahlung sonst häufig in Vergessenheit gerate, kann dieser Denkanstoß hilfreich sein. „So weckt es den Eindruck, dass das üblich ist“, sagt sie. Deshalb würden sich Menschen häufiger für Trinkgeld entscheiden
Durch den Einsatz des Nudgings steige die Summe des Trinkgelds auch insgesamt an, sagt Dominik Enste. Wie viel allerdings jeder Einzelne gibt, hängt nicht nur von dessen üblichen Trinkgeldgewohnheiten ab, sondern auch davon, welche Optionen auf dem Zahlungsterminal ausgewählt werden können. „Typischerweise drücken die Menschen in der Mitte“, sagt Enste. Ganz einfach deswegen, weil wir Extreme in der Regel scheuen.
Viele Händler und Geschäftsleute wüssten um diesen psychologischen Effekt, und wählten die Trinkgeldoptionen geschickt aus, sagt Julia Pitters. In Deutschland seien normalerweise Trinkgelder zwischen fünf und zehn Prozent üblich. Wenn die niedrigste Möglichkeit aber bei zehn Prozent beginnt, sei gleich „ein ganz anderer Anker gesetzt“. Weil Gäste und Kunden eben zur Mitte tendierten, wählten sie eben nicht die niedrigste Kategorie aus, sondern gäben eher mehr als die zehn Prozent Trinkgeld.
Keiner will als Geizhals dastehen
Doch warum lassen sich die Menschen so zu einem Trinkgeld verleiten? Weil keiner als sparsam oder gar geizig wahrgenommen werden wolle, sagt Julia Pitters. Doch gerade beim Zahlen am Kartenterminal würde die aktive Entscheidung gegen ein Trinkgeld mindestens vom Personal, womöglich aber sogar von Umstehenden unmittelbar wahrgenommen, sagt Philipp Rehberg von der Verbraucherzentrale Niedersachsen.
Dominik Enste zufolge liegt das in unseren Genen. In den kleinen Gemeinschaften, in denen Menschen früher lebten, kannte jeder jeden. Dort sprach es sich schnell herum, wer richtig knauserig und wer besonders großzügig war – und das Umfeld merkte sich das genau. Selbst die Auswahl der niedrigstmöglichen Trinkgeldoption falle darum schwer.
Nicht unter Druck setzen lassen
„Wenn wir nicht lange Zeit zum Nachdenken haben, dann fallen wir schon immer wieder auf diese Dinge rein“, sagt Julia Pitters. Sonja Guettat von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz empfiehlt deshalb, sich nicht zeitlich unter Druck setzen zu lassen, nur weil zum Beispiel eine lange Schlange hinter einem an der Kasse ist. Stattdessen sollte man selbstbewusst nachfragen, wenn keine der gewünschten Trinkgeldoptionen angegeben ist und diese manuell eingeben.
Verboten ist es laut Guettat übrigens nicht, Trinkgeldoptionen vorzuschlagen und damit offensiv auf die Kunden zuzugehen. „Es gibt allerdings keinen Rechtsanspruch auf Trinkgeld“, sagt sie. Darum müsse gewährleistet sein, dass Kunden am Kartenterminal immer auch die Option wählen könnten, kein Trinkgeld zu geben.