Der Bulle an der New Yorker Börse an der Wall Street ist ein beliebtes Fotomotiv. Er symbolisiert steigende Kurse. © SPENCER PLATT, apf
Millionen Menschen legen mittlerweile Geld an der Börse an. Sie kaufen Aktien von bekannten Unternehmen wie Tesla, Nvidia oder Rheinmetall. Oder sie stecken Erspartes in Exchange Traded Funds (ETFs), die die Kursentwicklung eines bestimmten Börsenindex nachbilden. Doch nicht selten investieren Anleger aus einem Bauchgefühl heraus, ohne Strategie und vorherige Planung. „Unsere menschlichen Schwächen verleiten uns bei der Geldanlage zu Fehlern“, sagt Hans-Jörg Naumer, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors. Sieben kostspielige Fehler und wie sie sich vermeiden lassen.
■ 1. Zu spät starten
Zur Aufschieberitis neigen Menschen auch beim Geldzurücklegen. Es bringe aber nichts, „über das richtige Timing zu grübeln und dann lange gar nichts zu tun“, warnt Allianz-Experte Naumer. Das liegt am häufig unterschätzten Zinseszinseffekt. Beispiel: Ein Sparer will ein Vermögen von 100 000 Euro aufbauen. Bei einer Rendite nach Steuern von jährlich 3,0 Prozent genügt bei einem 30-jährigen Anlagezeitraum eine monatliche Sparrate von 173 Euro. Hat er hingegen nur noch zehn Jahre Zeit, müssten es monatlich bereits 716 Euro sein. Naumer rät deshalb: „Lieber klein anfangen, als gar nichts tun.“ Sein Tipp: sich selbst Termine machen, um sich so zu disziplinieren. „Wer jeden Monat Geld per Dauerauftrag zurücklegt, muss nicht jedes Mal seinen inneren Schweinehund von Neuem überwinden. Ich empfehle dabei immer, den Dauerauftrag so zu terminieren, dass das Geld abgebucht wird, wenn gerade das Gehalt aufs Konto überwiesen wurde.“ Seine Begründung: „Unser Gehirn nimmt jeden Sparvorgang als Verlust wahr. Geht aber das Geld vom Konto ab, wenn das gerade gefüllt ist, spüren wir das gar nicht so. Und was weg ist, können wir nun mal nicht mehr ausgeben“, sagt Naumer.
■ 2. Heimatgefühle
Eine Grundregel der Geldanlage lautet: Nicht alle Eier in einen Korb legen. Das klingt banal, trotzdem schaffen das viele nicht. Die Verbraucherzentralen und die Stiftung Warentest empfehlen zwar seit Jahren, Geld gerade auch für die zusätzliche Altersvorsorge in weltweit anlegende ETFs zu investieren, um das Risiko breit zu streuen. Nicht wenige Bankkunden kaufen aber mit Vorliebe das, was sie am besten zu kennen glauben, und stecken einen großen Teil ihres Vermögens in ihren Heimatmarkt. So zeigen Analysen: Deutsche Anleger haben überproportional viele Fonds mit dem Anlageschwerpunkt Deutschland und deutsche Aktien im Depot. Fachleute sprechen dann von einem „Klumpenrisiko“: Anleger machen sich damit von der Entwicklung der Unternehmen in Deutschland zu sehr abhängig.
■ 3. Verluste laufen lassen
„Der Schmerz über einen Verlust ist größer als die Freude über einen spiegelbildlichen Gewinn“, sagt Naumer. „Deshalb werden Verluste gerne verdrängt, mental ignoriert, während Gewinne im Gedächtnis haften bleiben.“ Die Folge: Anleger halten eisern an Titeln fest, obwohl ihr Kurs immer weiter sinkt und die Prämissen für ihren Einstieg längst überholt sind, statt sich einzugestehen, dass sie tatsächlich Geld verloren haben. Geldprofis empfehlen Anlegern stattdessen: Verlustbringer, an deren Kurserholung man nicht mehr glaubt, lieber verkaufen.
■ 4. Selbstüberschätzung
Viele Autofahrer glauben, sie fahren gut und sicher, jedenfalls besser als derjenige, den sie gerade überholen. Auch bei der Geldanlage tendierten Menschen dazu, ihre Fähigkeiten zu überschätzen, weiß der Fondsexperte Ali Masarwah vom Fondsvermittler Envestor. Er hält es für absurd zu glauben, Privatanleger könnten die Zukunftsaussichten von Unternehmen wie Tesla, Apple oder Rheinmetall treffsicher einschätzen und schlauer als die Profis am Markt sein. Naumer pflichtet bei: „Vor allem in guten Phasen ist die Gefahr groß, sich selbst ein überdurchschnittliches Talent bei der Geldanlage zuzuschreiben.“ Das kann verführerisch wirken und die Neigung verstärken, ein immer höheres Risiko einzugehen. Motto: Was dreimal geklappt hat, funktioniert auch beim vierten Mal. Fachleute sprechen von „Kontrollillusion“.
■ 5. Fehlwahrnehmung
Menschen erinnern sich lieber an ihre Erfolge als an ihre Niederlagen. So geht es auch Anlegern. Wer denkt schon gerne an sein Desaster mit der Tesla-Aktie oder vor mehr als 20 Jahren an die Verluste mit Investments am untergegangenen Neuen Markt der Frankfurter Börse? „Wir blenden aus, was nicht in unser Weltbild passt. Je mehr man von sich selbst überzeugt ist, desto mehr stellt das Scheitern eine Gefahr für das Selbstbild dar“, warnt Fondsexperte Masarwah. Das könne dazu führen, dass Informationen selektiv verarbeitet werden: Anleger nehmen das auf, was sie in ihrer Meinung stützt, und blenden das aus, was ihrer Auffassung widersprechen könnte.
■ 6. Aktionismus
Täglich gibt es weltweit zehntausende neuer Nachrichten. Wer sich damit befasst, läuft Gefahr, ständig darauf zu reagieren, neue Anlageentscheidungen zu treffen und von den eigenen Zielen abzuweichen. Besser ist es, sich ein bekanntes Börsen-Sprichwort in Erinnerung zu rufen. „Hin und her macht Taschen leer“, heißt: Wer ständig kauft und verkauft, häuft eher Verluste statt Gewinne an – oder er verschenkt mögliche Gewinne. Deshalb raten Fachleute: lieber ruhig bleiben, an der eigenen Strategie festhalten und ab und zu mal ins Depot schauen und prüfen, ob Korrekturen fällig sind.
■ 7. Heiße Tipps
Als zur Jahrtausendwende der Neue Markt boomte, machten Aktientipps überall die Runde. Doch viele Internetbuden, mit deren Aktien Millionen Bundesbürger spekulierten, gingen später pleite. An der Flut von Aktientipps hat sich nicht viel geändert, nur dass sie nun vor allem über die Sozialen Netzwerke, Whatsapp-Gruppen oder bestimmte Finanzportale weitergereicht werden. Da ist immer Vorsicht geboten. Man sollte sich fragen: Warum wird mir das empfohlen? Von wem? Wer profitiert? Je größer die versprochene Rendite, umso größer sollte die Skepsis sein.
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