Historischer Moment: Der Dax sprang diese Woche über 25 000 Punkte. © KIRILL KUDRYAVTSEV, afp
Die Stimmung in Deutschland ist wieder einmal bescheiden. Die Umfragewerte der Regierung schwächeln, Prognosen für die Wirtschaft wurden nach unten korrigiert, in einigen Fällen wieder auf eine Null vor dem Komma. Nur der Konjunkturpessimismus hat Hochkonjunktur, könnte man zynisch bemerken. Interessanterweise steht diese Einschätzung im Widerspruch zu Finanzmarktindikatoren.
Vergleicht man aktuelle Anleiherenditen mit den Prognosen von vor einem Jahr, so rentieren festverzinsliche Wertpapiere der Bundesrepublik heute um ca. 0,6 Prozentpunkte höher als vor einem Jahr vorhergesagt. Zerlegt man den Renditeanstieg in seine Bestandteile, so zeichnen weder gestiegene Inflationserwartungen noch eine verschlechterte Bonität dafür verantwortlich, sondern höhere Realrenditen. Zudem beschränkte sich der Anstieg auf Anleihen mit langer Laufzeit. Die Renditestrukturkurve, welche den Zusammenhang zwischen Laufzeit und Rendite beschreibt, hat sich „versteilert“, wie es Anleihehändler nennen.
Steigende Realrenditen und eine steiler gewordene Renditestrukturkurve beschreiben in der Sprache des Anleihemarktes die Erwartung höheren künftigen Wachstums. Ein Blick auf Charts von 2025 zeigt einen zeitlichen Zusammenhang mit der Modifikation der deutschen Schuldenbremse.
Ein anderer Finanzmarktindikator ist der Wechselkurs des Euro, zum Beispiel gegenüber dem US-Dollar. Ab März bekam der Euro Beine und wertete um gut zehn Prozent gegenüber der US-Währung auf. Und wie reagierte der Aktienmarkt? Erneut das gleiche Bild wie am Rentenmarkt. Die großen europäischen Indizes übertrafen am Jahresende die Prognosen um mehr als zehn Prozent, wobei die Outperformance bereits früh im Jahr 2025 stattfand.
Nach der Beschlussfassung im Frühjahr 2025 dauerte es einige Monate, bis der größere fiskalpolitische Spielraum in robusteren Konjunkturdaten sichtbar wurde. Der kräftige Anstieg bei den in dieser Woche veröffentlichten Industrieaufträgen spricht dafür, dass die Wirtschaft wieder anzieht. Dass der Dax in dieser Woche die Marke von 25 000 Punkten überschritten hat, unterstreicht diesen Optimismus. Beruhigend ist auch, dass sich die Bonitätseinschätzung der Bundesrepublik durch die Märkte im Verlauf des Jahres 2025 sogar verbessert hat.
Zusammengefasst lässt sich also ableiten, dass die Finanzmärkte heute deutlich optimistischer in die deutsche Konjunktur-Zukunft blicken als vor einem Jahr. Man wird sehen, ob sich auch die öffentliche Meinung der Einschätzung der Märkte anschließen wird.