Fördert KI die Produktivität? Macht sie viele Menschen arbeitslos? Lohnen die vielen Investitionsmilliarden? Diese Fragen bewegen die Börsen vermutlich auf Jahre. © ap, dpa
In der vergangenen Woche gab es unter den KI-nahen Unternehmen an der Börse ein wahres Marktgewitter. Es schien, als würde keiner verschont. Weder die ohnehin als potenzielle KI-Verlierer gehandelten Werte unter den Softwareherstellern und Beraterfirmen, noch KI-Vorreiter und Großkonzerne wie Google, noch die jüngsten Überflieger, Chiphersteller, bis hin zu Versorgern und Datenzentrumbetreibern. Die Tagesverluste waren oftmals zweistellig, einige Werte haben seit Jahresbeginn mehr als ein Viertel ihres Marktwertes verloren.
Mit anderen Worten: Anleger gehen fest davon aus, dass Künstliche Intelligenz auf breiter Basis menschliche Arbeit ersetzen und sowohl Alltag als auch das Wirtschaftsleben revolutionieren wird. Alle Blicke richten sich darauf, wie viel Arbeitseinsatz KI ersetzen, also die Produktivität steigern können wird.
Seit einigen Monaten wird der Einfluss der KI in Arbeitsmarktstatistiken erkennbar, hauptsächlich in den USA. Wissenschaftler der Stanford-Universität haben in Daten eines großen Lohnabrechnungsdienstleisters zwei Berufsgruppen identifiziert, in denen sich die Dynamik seit 2022 verändert hat: Software-Entwicklung und Kundendienst. In beiden sinkt die Beschäftigung, besonders von jungen Arbeitnehmern. Als mögliche Erklärung wird angeführt, dass Berufseinsteiger Lehrbuchwissen mitbringen, das in digitalisierter Form für Algorithmen als Trainingsdaten zur Verfügung steht und von KI repliziert werden kann. Langjährige Berufserfahrung hingegen gibt es nicht in digitalisierter Form und lässt sich daher nicht ersetzen.
Diese Entwicklung wirft langfristige Fragen auf, erfüllt aber die Markterwartung: Menschliche Arbeit wird durch Algorithmen ersetzt, Produktivitätsgewinne winken.
Die Frage ist, welchen Zusammenhang es zwischen dieser Form des KI-Einsatzes, gesamtwirtschaftlichem Nutzen und Börsenerfolg gibt. Wir vermuten keinen linearen, sondern erwarten eine Kurve. Bleiben Produktivitätsgewinne aus, würden gigantische Investitionen in Rechenzentren zu Fehlinvestitionen, was weder für Wirtschaft noch Finanzmärkte gut wäre. Funktioniert KI zu gut und werden zu viele Arbeitnehmer auf einmal freigesetzt, kann der Arbeitsmarkt sie nicht absorbieren. Arbeitslosigkeit und Rezession drohen. Dazwischen liegt ein „Sweet Spot“, in dem KI für Wirtschaft und Märkte den größten Nutzen verspricht. Ob wir ihn erreichen, wird eine der wichtigsten Fragen für die Märkte im restlichen Jahrzehnt.