An der Wall Street blieb es bislang trotz Krieg erstaunlich ruhig. © SPENCER PLATT, getty via afp
Mit dem Militärschlag gegen den Iran dominieren geopolitische Risiken wieder die Märkte. Die erste Reaktion fiel weitgehend wie erwartet aus: fallende Aktienkurse, höhere Risikoprämien auf Unternehmensanleihen und ein festerer Dollar. Sind das schon Einstiegsgelegenheiten oder sollte man vorsichtig bleiben? Bei der Antwort hilft ein Blick auf frühere Marktreaktionen auf Kriegsausbrüche. Grob gesprochen kümmern sich Finanzmärkte erst dann um militärische Konflikte, wenn sie die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern. Dabei geht es üblicherweise in erster Linie um Öl. Ein solches Beispiel war der Überfall des Irak auf Kuwait 1990: Der Ölpreis verdoppelte sich und die US-Wirtschaft stürzte in eine Rezession. Das ließ den Aktienmarkt um rund 20 Prozent einbrechen, womit die Definition eines Bärenmarktes erfüllt wurde.
Auch im aktuellen Konflikt steht der Ölpreis im Mittelpunkt des Anlegerinteresses, doch die Dimensionen haben sich inzwischen verschoben. Nicht nur hat sich der Ölpreis seit Jahresanfang bisher „nur“ um 40 Prozent erhöht, und es wird mit einer schnellen Preiserholung an den Terminmärkten gerechnet. Auch die Abhängigkeit der Wirtschaft vom schwarzen Gold hat abgenommen. Heute wird in den Industrieländern nur noch halb so viel Öl wie in den 1990er-Jahren benötigt, um eine Einheit Bruttoinlandsprodukt zu produzieren.
Dennoch ist die Ölpreisentwicklung für viele Länder schmerzhaft. Modelle schätzen, dass ein Anstieg um 10 Dollar je Fass die Eurozone rund 0,1 Prozentpunkte Wachstum kostet, die Inflationsrate aber um 0,2 Prozentpunkte ansteigen lässt. Für die USA ermitteln ähnliche Modelle nur einen minimalen negativen Wachstumseffekt, allerdings bei einem ähnlichen Inflationsanstieg wie in der Eurozone. Weniger Wachstum und höhere Energiekosten sind schlecht für Unternehmensgewinne. Steigende Inflationsraten könnten die Zentralbank zwingen, die Leitzinsen anzuheben, was der Rentenmarkt mit steigenden Renditen quittiert. Beides zusammen erklärt die bisherigen Kursreaktionen.
Donald Trump ist angesichts der Klagen vieler US-Bürger über zu hohe Lebenshaltungskosten eigentlich an niedrigeren Ölpreisen interessiert. Insbesondere mit Blick auf die im Herbst anstehenden Zwischenwahlen. Insofern besteht Anlass zur Hoffnung auf ein baldiges Ende der Feindseligkeiten. Ein daraufhin nachgebender Ölpreis würde die Märkte unterstützen. In diesem Fall könnten sich die jetzigen Kurse für langfristige Anleger tatsächlich als Kaufgelegenheit herausstellen.