An den Tankstellen steigen die Preise trotz jüngster Entspannung beim Rohöl immer weiter. © Peter Kneffel, dpa
Deutschland als Versuchslabor für gierige Ölkonzerne? Diesen Vorwurf machen die Tankstellen den Mineralölkonzernen. Herbert Rabl, Sprecher des Tankstellen-Interessenverband TIV, erwartet, dass die Spritpreise weiter steigen. „Die Vermutung drängt sich auf, dass die Mineralölkonzerne den deutschen Markt nutzen, um zu sehen, was geht: Auch 2,50 Euro und sogar mehr pro Liter sind am Ende denkbar“, sagte Rabl der „Rheinischen Post“.
2,50 Euro je Liter: Das wären bei Diesel rund 90 Cent mehr als im Oktober 2025 und bei Super E10 etwa 75 Cent. Das Geld lande allerdings nicht in den Taschen der Tankstellen, betont TIV-Sprecher Rabl. „Die Tankstellenpächter werden an den sprudelnden Gewinnen nicht beteiligt, sie bekommen den Ärger der Verbraucher ab – und ein oder zwei Cent Provision je verkauftem Liter Sprit“, erklärte er. „Zugleich verderben die hohen Preise die Stimmung und damit das Shop-Geschäft, das cirka 60 Prozent der Einnahmen ausmacht.“
Seit Beginn des Iran-Kriegs sind die Ölpreise massiv gestiegen, vor allem, weil die Straße von Hormus gesperrt ist. Durch die Meerenge werden etwa 20 Prozent der globalen Ölförderung transportiert. Im Januar kostete ein Barrel rund 60 Euro, zu Wochenbeginn schoss der Ölpreis erstmals seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine wieder weit über die Marke von 100 US-Dollar. Das ließ die Preise für Diesel und Benzin weiter nach oben schnellen: Super E10 kostete laut ADAC am Wochenanfang mit 2,028 Euro erstmals im Tagesdurchschnitt mehr als zwei Euro, Diesel lag sogar bei 2,17 Euro. An Autobahntankstellen wurde die Marke von 2,50 Euro bereits geknackt.
Nachdem der Ölpreis am Montag ein Hoch von stellenweise 119 Dollar erreicht hat, gab er am Dienstag zweistellig nach und fiel auf 90 Dollar. Zuvor war bekannt geworden, dass die G7-Staaten eine Freigabe der Öl-Notreserven erwägen, um Knappheiten zu verhindern und Preise zu senken. Zudem hatte US-Präsident Donald Trump eine Ende des Iran-Krieges in Aussicht gestellt: Er werde „schnell vorbei sein“ und sei „so gut wie beendet“, sagte er.
Die jüngste Entspannung beim Ölpreis hatte bisher keine Auswirkungen auf die Spritpreise. Am Dienstagmorgen um 7.15 Uhr kostete ein Liter E10 im Schnitt 2,095 Euro, ein Liter Diesel 2,237 Euro. Mineralölverbände erklärten das mit den Produktionskosten für Benzin und Diesel. Die Preise an den Tankstellen könnten „leider nicht so schnell sinken, wie sie steigen“, so der Verband Fuels und Energie. Ein ADAC-Sprecher sagte unserer Zeitung, Öl- und Spritpreise hätten sich „entkoppelt“. Der Autoclub kritisiert schon seit Tagen, dass die Ölkonzerne Preisnachlässe viel später an Kunden weitergeben als steigende Preise.
Tankstellen-Sprecher Rabl hat ebenffalls eine Erklärung: Die Konzerne wüssten, dass sie von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) „nichts zu befürchten haben“. Nirgendwo in Europa seien die Spritpreise so stark gestiegen wie in Deutschland. Die Tankstellen regen deshalb eine Regulierung wie in Österreich an: Dort können die Preise nur einmal täglich angehoben, aber beliebig oft gesenkt werden.
Auch die Politik diskutiert, wie sie reagieren soll. Ungarn deckelt die Spritpreise bereits bei 1,50 Euro. Der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Sepp Müller (CDU) lehnt einen Tankrabatt jedoch ab und fordert ein hartes Vorgehen gegen die Mineralölkonzerne, denen er „Abzocke“ vorwirft. „Das Kartellamt muss jetzt mit dem schärfsten Schwert drohen“, sagte Müller dem Portal „t-online“ und brachte den Paragraf 32f des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen ins Spiel. Der erlaubt neben Strafzahlungen auch Eingriffe in Unternehmen.AFP/DPA/HÖSS/MAS