Hunderte von Öltankern hängen vor der Straße von Hormus fest. © Kamran Jebreili
Der Krieg im Iran dauert bereits zwei Wochen und bestimmt die Entwicklung an den Energie- und Finanzmärkten. Steigende Preise und Verwerfungen an den Finanzmärkten dürfte US-Präsident Trump angesichts der näher rückenden Mid-Terms seinen Wählern kaum lange zumuten können. Selbst bei einem Ende der Kampfhandlungen durch die USA, die sicherlich als „Sieg“ verkündet würden, bleibt offen, ob der Iran unter dem neuen Führer Mojtaba Chamenei und Israel ebenfalls die Kampfhandlungen einstellen. Wir gehen davon aus, dass es ein regional und zeitlich begrenzter Krieg bleibt. Das Risiko für eine weitere Eskalation und einen längeren Konflikt mit negativen Effekten auf internationale Lieferketten, Welthandel, Inflation und Kapitalmärkte ist aber hoch.
Europa wäre im Fall eines längeren Kriegs besonders betroffen. Im Vergleich zur Energiemangellage zum Beginn des Ukrainekriegs ist die Lage heute aber deutlich stabiler, da Europa inzwischen über eine breitere Versorgungsbasis verfügt. Der Ausbau und die Erweiterung von LNG-Terminals haben die Importkapazitäten signifikant erhöht, und auch der Anteil Erneuerbarer Energien ist gestiegen. Dadurch hat sich die Abhängigkeit von Erdgas spürbar reduziert. Die aktuellen Preisbewegungen sind aber ernst zu nehmen, vor allem wenn sich US-LNG in Europa deutlich verknappen würde (u.a. wegen höheren Wettbewerbs auf dem Weltmarkt und fehlenden Schiffskapazitäten). Da die europäischen Gasspeicher relativ leer sind, wird es aber teuer und schwieriger werden, diese über den Sommer wieder aufzufüllen.
Die möglichen Auswirkungen eines langfristigen Energiepreisschocks werden aktuell vor allem an den Rentenmärkten gesehen. Aktien- und Credit-Märkte preisen unserer Meinung nach immer noch einen kurzen Verlauf des Kriegs und einen schnellen Rückgang der Ölpreise ein. Hier kann es zu weiteren Verwerfungen kommen, sollte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die Energiepreise längerfristig hoch bleiben und damit die Margen der Unternehmen schmälern und den Konsum einschränken.
Ein weiteres Risiko des Irankonflikts besteht darin, dass er die Finanzmarktakteure von anderen Risikoherden ablenkt. Im Private-Credit-Segment hat sich durch Unternehmensinsolvenzen und einer Rückgabewelle bei Investmentgesellschaften zuletzt die Situation verschärft. Zudem könnten steigende Energiepreise die Rentabilität der stark energieabhängigen Investitionen in die KI-Infrastruktur infrage stellen und eine Korrektur in diesem Sektor forcieren.