DIE BÖRSENWOCHE

Misstrauensvotum gegen den Dollar

von Redaktion

„Hoffnungen auf ein Abkommen mit dem Iran schwinden kurz vor Ablauf der Frist am Dienstagabend“, titelte das „Wall Street Journal“ am Abend vor der Ankündigung einer zweiwöchigen Waffenruhe. Umso kräftiger fiel danach die Kurserholung aus. Unterstützt wurde sie auch dadurch, dass viele Marktteilnehmer in den Tagen vor der Einigung stark auf fallende Kurse gesetzt hatten. Die Richtung der Gegenbewegung, der sogenannte „pain trade“, zeigte entsprechend nach oben. Bloomberg berichtete am Mittwoch unter Berufung auf den Handelstisch von Goldman Sachs, dass Hedgefonds ihre Wetten gegen US-Aktien in einem Tempo auflösten wie nach dem pandemiebedingten Crash im März 2020.

Für den Augenblick scheint es fast so, als habe der Markt den Krieg bereits abgehakt. Genauer gesagt: nicht den Krieg selbst, sondern dessen mögliche Auswirkungen auf die Weltwirtschaft – vor allem mit Blick auf den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, eines der zentralen Nadelöhre des globalen Energiehandels.

Zusätzlich ist, wie so oft, der Optimismus an den Aktienmärkten deutlich ausgeprägter als an anderen Märkten. Das zeigt ein Blick auf Rohstoffe: Trotz jüngster Rückgänge notiert der Brent-Future mit Fälligkeit im Dezember bei 80 US-Dollar, nach 60 US-Dollar zu Jahresbeginn. Sollten die Terminpreise die tatsächliche Entwicklung korrekt antizipieren, läge die durchschnittliche Inflationsrate in der Eurozone 2026 eher bei drei als bei zwei Prozent. Entsprechend dürften auch die Renditen zweijähriger Bundesanleihen, die vor Kriegsbeginn bei zwei Prozent lagen, von ihrem derzeitigen Niveau von 2,5 Prozent kaum rasch zurückgehen.

Jenseits der kurzfristigen Fixierung auf Satellitenbilder und die Frage, welche Schiffe gerade die Straße von Hormus passieren, sollten die langfristigen Folgen nicht aus dem Blick geraten.

So rückt die Rolle des US-Dollars wieder stärker in den Fokus. Angesichts der Unabhängigkeit der USA bei der Öl- und Gasversorgung und des traditionellen Status des Dollars als sicherer Hafen fiel die Wechselkurs-Entwicklung schwach aus. Eine Aufwertung um lediglich einen Cent gegenüber dem Öl- und Gasimporteur Europa wirkt fast wie ein Misstrauensvotum.

Inzwischen mehren sich die Stimmen, dass die vergangenen Wochen dem sogenannten Petrodollar-System geschadet haben. Dieses System war lange ein wichtiger Pfeiler zur Finanzierung des US-Leistungsbilanzdefizits, das sich in diesem Jahrzehnt drastisch ausgeweitet hat: von rund 400 Milliarden US-Dollar jährlich in den 2010er-Jahren auf inzwischen mehr als eine Billion US-Dollar. Dass dieser Pfeiler Risse zeigt, sollte nicht unterschätzt werden.

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