DIE BÖRSENWOCHE

Der „kurze“ Krieg wird enden

von Redaktion

Über 50 Tage dauert der Krieg im Iran und die weitgehende Schließung der Straße von Hormus an. Mit jedem zusätzlichen Tag wird es dabei schwieriger, von einem „kurzen“ Krieg zu sprechen. Wir nähern uns also dem Punkt, an dem entweder der Krieg am Verhandlungstisch durch einen von allen Seiten tolerierbaren Kompromiss beendet wird – und die Aorta des Energietransports wieder geöffnet wird. Oder die jetzige Situation hält an, und es muss von einem „langen“ anstatt von einem „kurzen“ Konflikt gesprochen werden.

Auch wenn seit Beginn des Waffenstillstands die militärischen Kosten für die Kriegsparteien weniger stark steigen, wachsen die Kosten der Blockade der Straße von Hormus durch steigende Energiepreise und Lieferverzögerungen mit zunehmender Dauer überproportional an. Das gilt sowohl für die direkt involvierten Kriegsparteien als auch für die Weltwirtschaft. Dadurch wächst der innenpolitische Druck auf US-Präsident Trump mit den näher rückenden Midterm-Wahlen. Diese Schwäche spielt die iranische Führung mit ihrer zögerlichen Haltung bei der Fortsetzung von Verhandlungen geschickt aus. Im Gegenzug versuchen die USA mit der Aufstockung ihrer militärischen Kapazitäten den Iran unter Druck zu setzen.

Trotz des derzeitigen Verhandlungsstillstands erwarten wir in unserem Basisszenario angesichts der steigenden Kosten eine baldige Öffnung der Straße von Hormus. In der Folge dürften, trotz Verzögerungen bei der Wiederherstellung der Lieferketten und der Gasförderung, die Energiepreise zügig fallen und der Anstieg der Inflation nur vorübergehend sein. Die Weltwirtschaft käme in diesem Fall mit einer überschaubaren Konjunkturdelle davon. Sollte der „kurze“ Krieg jedoch in einen „langen“ übergehen und der Seeweg geschlossen bleiben, drohen weitere deutliche Energiepreisschübe, und die zunehmende Knappheit wichtiger Rohstoffe wird zu Produktionsstopps führen. In diesem Fall ist auch mit bisher weitgehend ausgebliebenen deutlichen Kursverlusten an den Aktien- und Kreditmärkten zu rechnen.

In dem weiterhin unsicheren Umfeld dürfte die EZB die Zinsen kommende Woche unverändert belassen. Angesichts einer noch sinkenden Kerninflation, einer moderaten Lohndynamik und stabilen Inflationserwartungen hat sie den Spielraum abzuwarten. Sollte die Blockade allerdings anhalten, ist eine Leitzinsanhebung im Juni wohl kaum zu vermeiden. Breite Fiskalprogramme der Mitgliedsländer, mit dem Ziel, die Verbraucher zu unterstützen, dürften zu zusätzlichem Handlungsbedarf der EZB führen.

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