DIE BÖRSENWOCHE

Viel spricht für Zinserhöhung

von Redaktion

Die Inflationsrate in Europa liegt der EZB zu hoch. Daher dürften die Zinsen steigen. © Imago/IlluPics

Die Eskalation des Irankonflikts Anfang März, insbesondere die Sperrung der Straße von Hormus und damit deutlich steigende Rohölpreise, lösten global einen stagflationären Impuls aus. In vielen Volkswirtschaften stieg durch den resultierenden Energiepreisschock unmittelbar die Inflation. Gleichzeitig mussten Wachstumserwartungen sukzessive nach unten korrigiert werden. Je länger die Lieferketten im Nahen Osten unterbrochen bleiben, umso stärker werden beide Effekte.

Am stärksten betroffen sind stark energieimportabhängige Staaten. So rechnet der Sachverständigenrat gemäß seines jüngst veröffentlichten Frühjahrsgutachtens mit nur noch 0,5 Prozent Wachstum für Deutschland im laufenden Jahr. Am Jahresanfang wurde noch rund ein Prozent erwartet. Die Inflation stieg im April auf 2,9 Prozent nach 1,9 Prozent im Februar. Zwar veröffentlichte das Statistische Bundesamt für Mai eine leicht gesunkene vorläufige Inflationsrate von 2,6 Prozent, allerdings ist der positive Effekt vor allem auf den nur temporär eingeführten Tankrabatt zurückzuführen. Wenn dieser im Juli ausläuft und nicht durch eine sinkende Preisdynamik in anderen Segmenten ausgeglichen wird, folgt ein erneuter Preisniveauanstieg. Eine Leitzinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni wird damit immer wahrscheinlicher. Die Notenbank wird signalisieren wollen, dass sie etwaige Zweitrundeneffekte – Preissteigerungen bei Waren und Dienstleistungen durch die Weitergabe erhöhter Energiekosten an Endverbraucher – und höhere Inflationserwartungen rechtzeitig einzudämmen gedenkt.

Auf die Wirtschaft dürfte ein Leitzinsanstieg in der Eurozone zunächst überschaubare Auswirkungen haben. Für Unternehmen und Verbraucher, die trotz der aktuell unsicheren Gemengelage längerfristige Finanzierungen benötigen, sind die Kreditkonditionen ohnehin bereits deutlich angestiegen. Denn die zugrunde liegenden Renditen von Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten haben unmittelbar auf die seit März höhere Inflation reagiert. Die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe notiert derzeit mit knapp 4,5 Prozent p.a. auf dem höchsten Stand seit 2007.

An den Börsen bleiben die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran im Fokus, wobei zuletzt bereits einiges an Optimismus bezüglich einer möglichen Wiederöffnung der Straße von Hormus für steigende Aktienkurse und sinkende Zinsen gesorgt hat. Sollten sich diese Hoffnungen als Trugschluss erweisen, wären kurzfristige Gegenbewegungen wahrscheinlich.

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