Die großen Tech-Konzerne investieren viele Milliarden in Rechenzentren. Die Skepsis darüber wächst. © dpa
Das Halbjahr ist gerade um, und man staunt, wie gut sich die Aktienmärkte trotz des außerordentlichen Angebotsschocks bei Öl und Gas gehalten haben. Mitverantwortlich dafür war die ungebremste KI-Investitionseuphorie. Gleichzeitig überrollt die KI-Welle viele Sektoren, etwa die Software-Branche, und wechselt in rasantem Tempo ihre eigenen Protagonisten. Auf Unternehmensebene: Der Neuling Anthropic brauchte weniger als ein Jahr, um den Platzhirschen OpenAI vom Thron zu verdrängen. Oder auf Sektorebene. So haben sich Halbleiter, etwa der Philadelphia Semiconductor Index SOX, in der ersten Jahreshälfte an der Börse rund verdoppelt, während ihre dynamischsten Kunden mit vier Prozent im Minus landeten. Diese Kunden sind die großen Plattformfirmen, die sogenannten Hyperscaler Microsoft, Amazon, Google, Meta und Oracle, die 2025 noch zu den Zugpferden an den Börsen zählten.
Was heißt das für Anleger? Weiter auf Halbleiter setzen? Wir sind da etwas skeptischer geworden, auch wenn es dem Sektor prächtig geht: KI benötigt enorme Rechenleistung und damit Rechen- und Speicherchips. Die Nachfrage der Hyperscaler könnte durch die rasche Verbreitung der KI-Agenten weiter steigen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten haben sich die Analystenschätzungen für die 2026er-Investitionen dieser fünf Firmen auf fast 700 Milliarden US-Dollar rund verdoppelt. Gleichzeitig ist das Chip-Angebot nicht über Nacht ausweitbar. Hohe Investitionen, technologische Hürden und lange Vorlaufzeiten für neue Kapazitäten bestärken die Marktmacht einer ohnehin oligopolistischen Anbieterstruktur. Eine, zumindest bisher, weitgehend preisunempfindliche Nachfrage seitens der Hyperscaler sorgte so für eine enorme Preismacht der Chiphersteller.
Gerade diese Dynamik birgt jedoch auch Gefahren. Einerseits können die hohen Preise die Nachfrage mittelfristig doch dämpfen und die Kunden dazu veranlassen, günstigere und effizientere Alternativen zu suchen. Andererseits scheinen die klassischen Reflexe dieses historisch sehr zyklischen Sektors wieder zu greifen: Seit einigen Wochen besorgen sich die Chiphersteller vermehrt Geld an den Kapitalmärkten und kündigen Kapazitätserweiterungen an. Südkorea sticht hier heraus, wo auch der Staat auf eine Kapazitätsausweitung drängt, um vor allem bei Speicherchips die Führungsrolle zu behalten. Eine Umkehr des Nachfrage-Angebots-Verhältnisses scheint damit nur noch eine Frage der Zeit. Jede Enttäuschung bei den Monetarisierungsbemühungen der KI-Anbieter wird früher oder später eine Enttäuschung für den Halbleitersektor. Man sollte zumindest nicht mehr so viele Eier in diesen Korb legen.