Vor einem Monat habe ich an dieser Stelle auf die Fragilität des sich damals anbahnenden Abkommens zwischen den USA und dem Iran sowie auf die Gefahr erneuter Eskalationen hingewiesen. Dazu ist es jetzt gekommen und die Straße von Hormus ist wieder dicht. Im Gegensatz zur ersten Schließung führen die Kriegsparteien im Hintergrund die Verhandlungen jedoch fort. Dies schürt Hoffnungen auf ein baldiges Ende der gegenseitigen militärischen Angriffe und eine Wiedereröffnung der wichtigen Wasserstraße. An den Märkten werden die jüngsten Entwicklungen unterschiedlich bewertet. Der Ölpreis liegt mit circa 85 US-Dollar je Barrel deutlich unter den April-Höchstständen von über 120 Dollar. Im Gegensatz dazu sind die Markterwartungen für die EZB-Zinsen angezogen (auf gut eineinhalb Schritte zum Jahresende) und die zweijährigen und zehnjährigen Bundrenditen auf 2,76 Prozent beziehungsweise 3,13 Prozent gestiegen, was den Hochs vom April entspricht. Die Akteure am Rentenmarkt reagieren demnach deutlich sensibler auf mögliche Inflationsgefahren. Das Augenmerk der Märkte dürfte daher wieder verstärkt auf den Nahen Osten gerichtet sein. Bleibt die Straße von Hormus geschlossen und macht der Iran sogar die Drohung wahr, über die verbündeten Huthis den Zugang zum Suez-Kanal vom Roten Meer her zu blockieren, würde das zu gravierenden Lieferkettenproblemen und Knappheit an physischen Rohstoffen führen. In einem solchen Szenario wäre mit einem deutlichen Anstieg der Preise für Öl und andere Güter zu rechnen, die einen Inflationsschub auslösen könnten und substanzielle Zinserhöhungen von EZB und anderen Zentralbanken nach sich zögen. Eine Rezession und ein Crash an den Aktienmärkten dürfen folgen. Angesichts der hohen Kosten einer solchen Eskalation, insbesondere für US-Präsident Donald Trump im Vorfeld der Mid-Term Wahlen, messen wir einem solchen Szenario eine geringe Wahrscheinlichkeit zu. Wir erwarten vielmehr, dass die militärischen Aktionen wieder abflauen und die Straße von Hormus, voraussichtlich unter Einschränkungen, wieder geöffnet wird. In diesem Basisszenario dürften wir den Gipfel der Inflation bereits hinter uns haben und die EZB aufgrund der fragilen wirtschaftlichen Situation die Zinsen bis auf Weiteres unverändert lassen. Die Aktienmärkte haben trotz starker Quartalszahlen im Gegensatz zur ersten Kriegswelle dieses Mal nicht von guten Unternehmenszahlen profitiert. Zudem mussten Unternehmen, die enttäuschende Zahlen oder Ausblicke präsentiert haben, schmerzhafte Kursabschläge verkraften. Daher dürften neben dem Kriegsverlauf die noch ausstehenden Berichte der amerikanischen Tech-Giganten das Marktgeschehen in den kommenden Wochen bestimmen. Bei einer Beruhigung im Iran und guten Unternehmenszahlen dürfte es zunächst zu einer Fortsetzung der Rally kommen.