DIE BÖRSENWOCHE

Wirtschaft stärker als gedacht

von Redaktion

Das ging schnell: Noch im Juni machte an den Märkten die Sorge vor einer Ölschwemme die Runde. Inzwischen hat sich das Bild gewendet. Ein Ölpreis, der wieder an der 100-Dollar-Marke kratzte, hinterlässt Spuren an der Tankstelle ebenso wie bei Inflationserwartungen, Wachstumsprognosen, Aktien oder Anleihen.

An den Rentenmärkten stiegen die Renditen wieder an. 30-jährige US-Staatsanleihen rentieren so hoch wie seit 2007 nicht mehr; bei zehnjährigen Bundesanleihen muss man bis ins Jahr 2011 zurückblättern, um eine höhere Rendite als die im Juli erreichten 3,2 Prozent zu finden. Doch jenseits der großen Schlagzeilen lohnt ein genauerer Blick auf den Rentenmarkt, vor allem auf die Zusammensetzung des Renditeanstiegs und damit auf die Frage, welche Botschaft der Markt sendet. Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zur Frühphase des Iran-Krieges.

Nehmen wir deutsche Bundesanleihen: Von Mitte Februar bis Ende April wurde der Renditeanstieg von steigenden Inflationserwartungen getrieben, wie sie sich aus inflationsindexierten Anleihen ableiten lassen. Die Realrenditen hingegen sanken. In der Sprache des Rentenmarkts bedeutete das: höhere Inflationserwartungen bei zugleich gedämpften Wachstumsaussichten, also Stagflationsängste. Im Mai und Juni folgte die Gegenbewegung: sinkende Inflationserwartungen, steigende Wachstumserwartungen. Häufig wird dies an den Finanzmärkten als „Goldilocks“-Umfeld beschrieben, ein ideales Biotop für risikobehaftete Anlagen, wie zum Beispiel Aktien. Dass diese Phase zugleich den bisherigen Höhepunkt der Halbleiter-Euphorie am Aktienmarkt markierte, dürfte kaum Zufall gewesen sein.

Seit Anfang Juli steigen nun beide Komponenten: Inflationserwartungen und Realrenditen. Das lässt sich als, wenn auch gemäßigtes, Boom-Szenario lesen. Ein Gegencheck mit zuletzt veröffentlichten Konjunkturindikatoren bestätigt dieses Bild. Stimmungsindikatoren wie der ifo-Index steigen wieder. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt wuchs im zweiten Quartal, nach einem bereits festen ersten Quartal. Dazu gesellen sich Überraschungsindikatoren mit wieder positiven Werten, welche abbilden, wie Konjunkturkennzahlen sich relativ zu den Prognosen entwickeln. Alle Puzzleteile zusammen genommen sprechen dafür, dass die Wirtschaft stärker ist, als das Bild, das man in Talkshows oder gar Social Media vermittelt bekommt.

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