Eine keineswegs sehr sympathische Figur

von Redaktion

Zur Biografie „Ludwig Thoma. Ein erdichtetes Leben“ von Martin A. Klaus

In seinen „Erinnerungen“ hat Ludwig Thoma 1917 vieles vollkommen unzutreffend dargestellt, daher ist es gut, dass mit Martin A. Klaus ein altbayerischer Thoma-Kenner die sachkundige Biografie „Ludwig Thoma. Ein erdichtetes Leben“ vorgelegt hat. Sie folgt weitgehend der Chronologie von Thomas Leben; ein Bildteil macht diese altbayerische Lebensgeschichte noch anschaulicher. Der Leser erfährt auch nicht viel über Thomas Schulbesuch und das Studium, vor allem Thomas Leben als Literat wird hier geschildert. Die Biografie des aus Bernau stammenden Autors rankt sich eng um sein Leben des Dichters, äußerliche Dinge wie die große Politik des Deutschen Reiches oder dessen industrielle Entwicklung bleiben so gut wie unberücksichtigt. Aber sie ist lebendig, fesselnd geschrieben, ein interessantes Leben – einer keineswegs sehr sympathischen Figur.

Wie Klaus schildert, entstammte Ludwig Thoma (1867 bis 1921) einer großen altbayerischen Familie. Sein Vater, von Beruf Förster, war dem Jungen zeitlebens ein Vorbild. Doch der Vater starb früh, da war Ludwig gerade sieben Jahre alt. Von seiner Mutter fühlte er sich nie geliebt und anerkannt, das hat er ihr Jahre später in einem Brief zum Vorwurf gemacht.

Ein intelligenter Bub

Ludwig Thoma war ein intelligenter, lebhafter Bub, der außerordentlich genau beobachtete, was ringsumher geschah. Er besuchte die höhere Schule an verschiedenen Orten, auch in der linksrheinischen bayerischen Pfalz, außerdem in Burghausen, Traunstein und, viele Jahre lang, in Prien am Chiemsee, das kann man in seinen „Lausbubengeschichten“ nachlesen, die übrigens eine außerordentlich populäre Aufnahme fanden. Durch Rosenheim muss er mit der Eisenbahn oft gekommen sein, auch wenn er es nicht erwähnt. Die Reifeprüfung legte Ludwig Thoma 1886 in Landshut ab.

Thomas Mutter hätte es so gern gesehen, wenn der Junge Pfarrer geworden wäre; aber das wollte er auf keinen Fall. Nach der Schule studierte Thoma zunächst, ganz kurz, Forstwissenschaft im unterfränkischen Aschaffenburg, entschied sich dann aber für die Rechte. Thoma studierte Jura in München und Erlangen. In Erlangen wollte er promovieren, aber die Sache scheiterte, weil Thoma keine schriftliche Arbeit vorlegte – auf die Führung des Doktortitels wollte er trotzdem nicht verzichten! Nach dem Referendariat ließ er sich als junger Anwalt in Dachau nieder. Bald begann er für den „Simplicissimus“ zu schreiben und bezog für seine Beiträge beträchtliche Honorare. Geld hatte er niemals genug, der erwachsene Thoma lebte gern auf großem Fuß, also über seine Verhältnisse, und es kam vor, dass seine Gläubiger die Tantiemen per Gerichtsbeschluss pfänden ließen.

Ludwig Thoma heiratete erst spät, da war er schon fast vierzig. Sein Interesse für Frauen scheint sich anfangs vor allem auf Prostituierte und verheiratete Frauen gerichtet zu haben. Ziemlich spät im Leben begegnete er Marietta Schulz, genannt Marion. Sie war damals noch verheiratet, dachte aber schon an Scheidung. Sie lebte dann anderthalb Jahre mit Thoma zusammen, bevor sie heiraten konnten; aber schon bald nach der Heirat gab es neue Probleme, nicht zuletzt deswegen, weil Thoma seine gewohnten Bordellbesuche fortsetzen und auch nebenher noch auf Freiersfüßen wandeln wollte. Was Wunder, dass auch diese Ehe nicht von Dauer war. Scheidungen waren sehr selten damals, unmöglich waren sie nicht. Seit den 1870er-Jahren gab es im Königreich Bayern Standesämter und zivile Heiraten. Ehen waren nicht mehr unauflöslich, wenngleich die Zahl der Scheidungen noch immer sehr niedrig war.

In diesen Jahren vor und nach 1900 trugen einzelne Moralaposteln ihr hohes Verständnis von „Sittlichkeit“ gern wie eine Monstranz vor sich her. Es gab eigene „Sittlichkeitsvereine“, die sich die Bekämpfung der „Unsittlichkeit“ auf die Fahnen geschrieben hatten. Richtig ist freilich auch, dass seinerzeit die Geschlechtskrankheiten und die Unehelichkeit weit verbreitet waren. Thoma durchschaute die Heuchelei, er kämpfte dagegen an. Wegen „einer Beschimpfung einer Einrichtung der christlichen Kirche“ wurde Thoma zu einer sechswöchigen Gefängnisstrafe verdonnert – hier in Stadelheim, im Herbst 1906, schrieb er sein Schauspiel „Moral“, das außerordentlich erfolgreich war.

Vielleicht war Thoma weltanschaulich oder politisch gar kein Zerrissener; aber er gehörte der Redaktion des „Simplicissimus“ an, und die war nun einmal progressiv und wenig empfänglich für stramm rechtskonservatives Denken. Oft genug, schreibt Ludwig Thomas Biograf, führten die augenblicklichen Lebensumstände seine Feder. Thoma gab sich zeitweise, auch privat, stark pazifistisch; aber dem haftete immer etwas Unaufrichtiges an, denn „Jagd und Krieg“, so sagte er selbst lange vor 1914, hielt er doch für „die schönsten Dinge“. Eigentlich war er politisch zutiefst reaktionär. Als der Weltkrieg ausbrach, im Sommer 1914, war er ein regelrechter Kriegsverfechter, einer von denen, die aus lauter Begeisterung Kriegsgedichte schrieben, einer, der den Anteil der Berliner Regierung am Kriegsausbruch nicht erkannte. Das Verhängnisvolle der deutschen Politik wollte er nicht sehen. Der Krieg regte ihn an, er schrieb, er wolle mit dabei sein im Feld. Seit März 1915 tat er als Sanitäter Dienst. Lange konnte er ganz vorn nicht bleiben, bei dem fast 50-Jährigen stellten sich bald gesundheitliche Problem ein.

Nach der deutschen Niederlage, November 1918, „schlug sich Thoma immer ungenierter auf die Seite der Ultrarechten und Antisemiten“, schreibt Klaus. Krank und verbittert driftete er politisch immer weiter nach rechts. Innerlich hatte er sich „längst vom ,Simplicissimus‘ losgesagt“.

Rechtsradikale Parolen

Im „Miesbacher Anzeiger“ giftete er mit rechtsradikalen Parolen, dieses Provinzblatt profitierte von seiner geschliffenen Feder. In dieser Zeit, Thomas letzten Lebensjahren, scheint Hitler oft seine Redemanuskripte an Thomas ausgerichtet oder zumindest Impulse von ihm aufgenommen zu haben. Offenbar sagten dessen politische Vorstellungen Thoma zu, denn er bat, laut Klaus, um Aufnahme in Hitlers Partei, die NSDAP.

Im Alter von 54 Jahren war Thoma ein kranker, innerlich gebrochener Mann. Mit seiner Gesundheit ging es bergab, er verlor rasch an Gewicht, klagte über starke Magenbeschwerden. Der wissenschaftlichen Medizin wollte er sich nicht anvertrauen, er baute stattdessen auf die alternative Heilkunde. Die starken Gewichtsverluste und die Schmerzen lassen an Magenkrebs denken. Ludwig Thoma starb am 26. August 1921 in Rottach am Tegernsee.

Martin A. Klaus: „Ludwig Thoma. Ein erdichtetes Leben“, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2016. 301 Seiten. ISBN 978-3-423-28103-4, 26 Euro

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