Herrenchiemsee – Ein Abend nur mit Barock-Opern-Arien – und alle sind verzaubert. Sogar der „falsche“ Barock des Spiegelsaals von Schloss Herrenchiemsee wirkt plötzlich echt und original. Dies gelang der Sopranistin Nuria Rial zusammen mit dem Flötisten Maurice Steger und dem Kammerorchester Basel unter dem Konzertmeister Stefano Barneschi.
Es gibt schrille Sopranstimmen, es gibt scheppernd-hochdramatische und mädchenhaft zirpende Soprane – und es gibt Nuria Rial. Diese hochsympathische spanische Sängerin schlug das Publikum vom ersten Ton an in Bann und hielt es bis zum Schluss in dieser Betörung. Sie singt Belcanto, wie er sein muss: mit ganz natürlichem Timbre, höchst beweglicher Stimme, gleichem Klang in allen Lagen, sehr leichtem Ansatz, gezieltem Einsatz des Vibratos, lockend, klagend oder kunstvoll tonrepetierend, all dies mit glockenreiner Zartheit und Fülle je nach gesungenem Inhalt. Die Töne formt sie mit dem ganzen Körper und untermalt die Arien gestisch und mimisch. In der Arie „Amorosa rondinella“, das heißt liebende Schwalbe, aus der Oper „Nicomede“ von Pietro Torri beschließt sie eine sich im Crescendo nach oben schraubende Ton-Skala mit einem lieblich-zarten Pianissimo-Ton. Immer färbt sie die Vokale völlig verschieden ein, immer gibt sie die Stimmung der Arie genau wieder. So auch in der Arie „Rondinella che dal lido“ aus „Ifigenia in Tauride“ von Leonardo Vinci – wieder ein Schwalbengesang.
Ihr zur Seite stand in einigen Arien der Flötist Maurice Steger, der sich schnell in die Gunst der Zuhörer spielte. Vor allem, wenn er mit seiner Piccolo-Flöte piekzarte und rasend schnell hüpfende Töne spielte und dann mit der Sopranistin wetteiferte um die schönsten goldgestanzten Töne, so in der Arie „Usignolo che vol volo“ aus „Engelberta“ von Andrea Stefano Fioré, also einem Nachtigallengesang. Da lockten, girrten, trillerten und liebesklagten beide um die Wette, als ob sie die Nachtigall übertrumpfen wollten. Dies, ihr Lieblingsstück, gewährten beide als Zugabe nach dem jubelnden Schlussapplaus. Humorvoll scherzend war dieser Wettstreit in „Bell ‚augeletto“, also schönes Vögelchen, von Francesco Gasparini, virtuos in einer Vögelchen-Arie von Johann Adolph Hasse.
Steger präsentierte sich auch als Solist in drei Flötenkonzerten von Francesco Mancini, Antonio Vivaldi und Charles Dieupart, hochvirtuos und bravourös und echt tänzerisch – nur hätte er da durchaus mehr Ton geben können, oft hatte sein Ansatz mehr Ton als der Ton dann selbst.
Vom Orchester auf Daunentöne gebettet
Sängerin und Flötist wurden vom Kammerorchester Basel geradezu liebevoll behutsam auf Daunentöne gebettet, ungemein duftig, berückend klangzart und mit immer tänzerischem Gestus: ein einziger orchestraler Genuss.