Eine ganz neue Klanglichkeit

von Redaktion

Romantischer Originalklang beim Kammermusikfestival „Festivo“

Aschau – Ein gutes Festival ist auch daran zu erkennen, ob Hörgewohnheiten und Haltungen der Interpretation stets befragt und zeitgemäß erneuert werden. Wer Konventionen konserviert oder sogar zementiert, spielt sich schnell ins Abseits. Vor 25 Jahren wurde „Festivo“ gegründet, eine lange Zeit. Doch das Kammermusik-Festival in Aschau ist jung geblieben, weil es sich unaufhörlich weiterentwickelt.

Das offenbarte sich beim zweiten Konzert der diesjährigen Reihe. Im barocken Preysingsaal von Schloss Hohenaschau wurde auch ein Werk gegeben, das bei Festivo schon öfter auf dem Programm stand: das Oktett für Streicher und Bläser D 803 von Franz Schubert. Beim hauseigenen Label „festivo records“ liegt sogar eine CD-Aufnahme vor. Doch statt das immer Gleiche zu zelebrieren, wurde eine ganz neue Klanglichkeit erprobt.

Zum ersten Mal in der Festivo-Geschichte wurde das Werk mit der historischen Aufführungspraxis konfrontiert. Konkret heißt das: Alexander Janiczek und Jerôme Akoka (Violinen) sowie Festivo-Leiter Johannes Erkes (Viola), Claire Thirion (Cello) und David Sinclair (Kontrabass) spielten auf Darmsaiten. Sie klingen filigraner und weniger hart als die modernen Stahlsaiten. Zudem spielten sie mit klassischen Bögen.

Dieser Originalklang setzte sich bei den Bläsern fort. So präsentierte sich Eric Hoeprich mit einer klassischen Klarinette aus hellem Buchsbaum-Holz. Dagegen spielte Javier Zafra ein historisches Fagott. Ein Naturhorn ohne Ventile hat schließlich Alec Frank Gemmill geblasen. Das alles erzeugte schattenreiche Klangfarben, die heute völlig verschüttet sind. Mag sein, dass die alten Instrumente schwerer zu spielen sind, aber: Ihre Farbgebung ist ganz eigen.

Von diesem Profil profitierte Schuberts Oktett ganz erheblich. Es ist gerade der weniger brillante Klang, der mit den überreich ausschattierten Nuancen einen originären „Klang der Romantik“ hörbar machte. Aus dem Adagio erwuchs eine gebrochene Jenseitigkeit. Selbst die dramatischen Tremoli im Finalsatz wirkten viel unheimlicher und verdüsterter: eben nicht rein äußerlich virtuos.

Nicht zuletzt profitierten die Streicher von der tieferen Stimmung. Das Holz der Instrumente schwingt viel entspannter als bei höherer Stimmung, die heute üblich ist. Genau dieser Eindruck offenbarte sich schon zuvor in der „Sonata a Quattro“ Nr. 2 von Gioachino Rossini für zwei Violinen, Cello und Kontrabass. Hier zeigte sich zudem, wie sehr der Opern-Star Rossini auch in der Kammermusik auf szenische Wirkungen nicht verzichten kann.

Wie eine große Opern-Arie

Jedenfalls wirkt der langsame Satz wie eine große Opern-Arie. Auch das „Concert-Trio“ für Bläser von Bernhard Henrik Crusell aus dem Jahr 1814 neigt zur großen Bühne. Die durchweg bleibenden Gestaltungen waren auch möglich, weil Festivo-Leiter Erkes stets überragende Solisten um sich versammelt. Sie vereinen sich zu Kammer-Ensembles, die man nur in Aschau erleben kann: ganz exklusiv.

Mit der konsequenten Pflege der historischen Aufführungspraxis schließt die Aschauer Reihe zudem eine sträfliche Lücke im Musikleben Oberbayerns, denn: Selbst in der Musikmetropole München kommt der Originalklang viel zu kurz. An dieser Musikwerkstatt muss Festivo unbedingt festhalten: Sie markiert nicht zuletzt das einzigartige Profil dieses Festivals.

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