Herrenchiemsee – „Von Gott und Göttern“ hieß das Motto der heurigen Herrenchiemsee-Festspiele, das letzte Orchesterkonzert passte da genau dazu: Merkur und Apollo wurden von den Komponisten beziehungsweise vom Verleger beschworen. Das Münchener Kammerorchester, bekannt für seine erfindungsreichen und entdeckerfreudigen Programme, wurde diesem Ruf mehr als gerecht.
Haydns 43. Symphonie trägt den Titel „Merkur“ aus Reklamegründen, hat also zunächst nichts mit dem Inhalt zu tun. Aber etwas Merkurisches hat diese Symphonie, etwas Schelmisches, Aufblitzendes, vital Intelligentes – alles, was die Astrologie dem Planet Merkur zuschreibt. Gerade recht für den jungen Chefdirigenten Clemens Schuldt, der ohne Dirigentenstab mit suggestiv-mitreißender Gestik seine Musiker zu einem aufwühlend-lebendigen Spiel animierte. So blitzten alle Finessen dieser eleganten und doch auch gefühlsreichen Symphonie auf, bei der es schon mal kompositorisch in den Wald geht. Haydn findet aber immer wieder Zwischenwege, die zum Ziel führen. Den Con-Sordino-Gesang des Adagios kosteten die Münchener mit süßen Klangreizen aus. Schuldt vermied aber jegliche Verweile-doch-Statik, ließ alles immer fließen, im fröhlichen Finale dann regelrecht dahinstürmen. Dann kam mit dem Konzert Nr. 1 für Klavier, Trompete und Streichkonzert von Dmitri Schostakowitsch das einzige nicht mythologische Stück des Abends, und es kam die ebenfalls junge Pianistin Lise del a Salle. Mit Verve, rhythmischer Energie, metallener Kraft und viel Lust an der perkussiven Frechheit dieser Musik warf sie sich in dieses Klavierkonzert, dass ihre langen blonden Haare nur so flogen. Tief in die russische Seele tauchte sie in den langsamen Sätzen ein, vor allem im filmmusikreifen zweiten Satz. Auch die Orchestermusiker hatten viel Spaß an dieser wilden Mischung aus Filmmusik, Jazz, Synkopenrausch und fröhlicher Kirmes-Ausgelassenheit, wozu auch die Solotrompete (Simon Höfele) beitrug.
Mit aufrauschenden Klavierkaskaden adelte Lise da la Salle auch „Young Apollo für Klavier, Streichquartett und Streichorchester“ op. 16 von Benjamin Britten, ein Stück, das man nach dem Hören schnell vergisst.
Erst recht „Apollon Musagète“ von Igor Strawinsky für Streichorchester, das die Musiker im Stehen spielten. Warum nicht bei Haydn? Diese Ballettmusik ist laut Reclams Konzertführer „von außerordentlicher Einfachheit, verzichtet fast völlig auf thematische Konflikte und klangliche Raffinesse und pulsiert in ungehindertem metrischen Fluss.“ Einfacher gesagt: „Es is fad“. Die Österreicher würden hier, vornehm französisierend, von einer „Fadesse“ sprechen. Diese Musik kann man nur getanzt ertragen, außer dem feinsinnig zarten 8. Satz, den das Orchester schmelzend und daunenweich spielte.
Das Publikum feierte Pianistin und Orchester mit tosendem und dann herzlichem Applaus.