Ein Klavier in der ostchinesischen Stadt Quingdao, hoffnungslos derangiert durch heiße, feuchte und salzgetränkte Luft, wird vom Klavierstimmer aufgegeben. Da nimmt sich der Komponist und begnadete Improvisator Peter Michael Hamel des Instruments an und als „Klavierflüsterer“ weiß er aus der Not eine Tugend zu machen: „Ich spielte das total aus den Fugen geratene Instrument an zehn aufeinander folgenden Tagen – und kam allmählich mit ihm ins Gespräch.“
Dieser Dialog wurde derart verdichtet, dass daraus die CD mit dem Titel „The Self-Tuned Piano – Quindao 2011“ entstand, die nun vom Bayerischen Tonkünstlerverband herausgegeben wurde. Entwarnung ist vielleicht nötig: Wer einen Jux, eine Persiflage, eine schräge Draufgängerei, eine Orgie mit verstimmtem „Honkytonky“ befürchtet, liegt absolut falsch. Das Ergebnis ist eine spannende, formal ausgewogene „Komposition“, auch wenn keine einzige Note aufgeschrieben wurde!
Bereits an der Hochschule ein Star
Peter Michael Hamel hat Deutschlands nörd- und südliches Gelände durchstreift. In München geboren, war er an der dortigen Musikhochschule bei Günter Bialas bereits ein Star. Mit 26 Jahren machte er in Donaueschingen Furore; seine alles andere als auf Serialität eingeschworene Musik passte nicht in die Ideologie des dort geforderten linearen Fortschritts. Sergiu Celibidache nahm ihn unter seine Fittiche und besorgte die Uraufführung der 1. Symphonie mit den Münchner Philharmonikern. Schließlich wurde Hamel Professor in Hamburg. Seit einigen Jahren hat er seinen Alterssitz in Aschau im Chiemgau aufgeschlagen; von Ruhestand freilich keine Spur, endlich können einige Großwerke realisiert werden… Im Juli konnte er seinen 70. Geburtstag feiern.
Ein perfekter Weltbürger
Als Bayer ist Hamel perfekter Weltbürger, denn auch das ost- und westliche Gelände hat ihn umgetrieben. Reisen nach Indien haben seinen musikalischen Horizont erweitert. Er studierte die unglaublich differenzierte Welt der Ragas, die Tempelmusik, die fernöstlichen Mönchsgesänge und kam zu dem Schluss, dass die Tonalität noch lange nicht erschöpft sei. Hamel hat sich schon früh mit den Obertönen beschäftigt, längst bevor das allgemein Mode wurde; über das Klischee „Weltmusik“ ist er unglücklich. Diese werde meist zur „Allerweltsmusik“ vernudelt…
Der Rezensent erinnert sich mit Begeisterung an die ab 1971 erschienenen Platten der Gruppe „Between“. Hamel war einer der profilierten Mitglieder dieser unerschrockenen Improvisationskünstler ohne Scheuklappen. „Between“ war natürlich Programm, ein beliebiges Rumrühren zwischen diversen Stilen (oder ein Abseitsplätzchen zwischen den Stühlen) war nie angestrebt. Nicht Mischmasch, sondern Neugier auf fremde Musik, die man zu integrieren suchte. Dass Hamel auch „geerdet“ blieb, zeigt seine tiefe Verbundenheit mit Carl Orff.
Die sehr ansprechend aufgemachte Monografie deckt viele Aspekte und Facetten des Moden und Maschen meidenden Künstlers ab. Bei weitem nicht alle können hier angesprochen werden. Hamel entzieht sich aber auch einem selbstgenügsamen Elfenbeinturm – seine Devise: „…ich muss die Menschen erreichen“.