Rohrdorf – Um seine Musik ranken sich zahllose Missverständnisse. Viel zu oft wird sie mit vollgriffiger Virtuosität verwechselt. Schnell gähnt bei Franz Liszt eine hohle pianistische Akrobatik: mit exaltierten Tonkaskaden und einer brachialen Dauerbeschallung im lautesten Forte. Dabei ist diese Musik ungeheuer vielschichtig. Wer sie von einfältigen Klischees befreit und tief in ihr originäres Wesen lauscht, entdeckt aufregende Perspektiven.
Genau das ist jetzt Dejan Lazic beim Kammermusikfestival „Festivo“ gelungen. Im stilvollen Foyer von Schattdecor in Thansau bei Rohrdorf hat sich der Pianist aus Kroatien mit einem reinen Liszt-Rezital präsentiert. Es war zugleich der erste Klavierabend von Lazic bei Festivo. Bislang war er beim Aschauer Festival stets als Kammermusiker zu erleben. Noch dazu markierte sein jetziges Gastspiel ein ganz besonderes Datum.
Vor genau zehn Jahren hatte Lazic mit Walter Schatt und Festivo-Leiter Johannes Erkes den wunderbaren Steinway-Flügel im Foyer von Schattdecor ausgesucht. Das Instrument stand ursprünglich im Münchner Herkulessaal: Manche Klavier-Stars schwärmen noch heute von diesem Flügel und vermissen ihn. Umso bleibender der jetzige Klavierabend von Lazic: Sein Spiel öffnete Ohren.
Endlich konnte in einem Konzert unmittelbar nachvollzogen werden, warum manche Musikforscher bei Liszt eine frühe Vorwegnahme des Impressionismus hören. Das gilt gerade auch für das Stück „Les Jeux d’eaux à la Villa d’Este“ aus dem dritten Band der „Années de Pèlerinage“: Hier reflektiert Liszt den berühmten Brunnengarten der Villa d’Este bei Rom. Lazic zauberte feinste Ausschattierungen in Dynamik und Ausdruck aus dem Flügel.
Generell durchdrang er Liszt mit stupendem Anschlag und stilgerechtem Einsatz des Pedals. Überdies glänzte sein Rezital mit einer programmatisch klugen Dramaturgie. Sie folgte dem jüngsten Liszt-Album von Lazic, das beim CD-Label „Onyx“ erschienen ist. Eine Hör-Reise hat Lazic zusammengestellt, die viel über das Leben und Wirken von Liszt verrät. Mit der „Ungarischen Rhapsodie“ und den „Zwei Csárdás-Tänzen“ reflektiert Liszt seine Kindheit.
Besonders persönlich auch die Paraphrasen aus Wagner-Opern: Zwischen beiden Komponisten gab es bekanntlich überreiche künstlerische Verbindungen. Noch dazu war Wagner mit Cosima verheiratet, der Tochter von Liszt. Mit seinen Klavier-Bearbeitungen von fremden Werken, die er zudem auf Konzerten präsentierte, hat Liszt nicht zuletzt viele Werke in aller Welt bekannt gemacht.
Eine ganz eigene Atmosphäre
Das gilt auch für die Schubert-Paraphrasen: Seinerzeit war Schubert keineswegs geläufig. Selbst das Mozart-Requiem gehörte noch nicht zum Allgemeingut. Wie in Schuberts „Erlkönig“ gelingt es Liszt im „Confutatis Maledictis“ und im „Lacrimosa“ aus dem Mozart-Requiem, eine ganz eigene Atmosphäre zu entwerfen. Denn Liszt interessiert sich eben nicht für Werktreue, sondern für tonpoetische Wirkungen.
Genau dies wurde von Lazic beispielhaft verlebendigt. Wie ein Psychologe hat er das komplexe Wesen von Liszt ganz präzise eruiert. Selbst in scheinbar höchst extrovertierten Momenten ließ Lazic stets einen filigranen Lyrismus durchschimmern. Lazic schaute hinter die Fassade: In seinem vielschichtigen Spiel schlossen sich stille Introversion und aufbrausendes Gemüt nicht aus. Beides ergänzte sich an diesem Abend.